Der Opportunist

cache/images/article_2052__mg_8320cmyk_140.jpg Paolo Di Canio will von seiner Vergangenheit nichts mehr wissen. Er sei kein Faschist, sagt der neue Sunderland-Trainer, und möchte sich nur auf Fußball konzentrieren.
Jakob Rosenberg | 11.04.2013
Wenn ich Sie einen Kommunisten nenne, sind Sie dann beleidigt?«, fragt die Stimme aus dem Off. »Dann verklage ich Sie«, antwortet Paolo Di Canio. »Wenn ich Sie einen Faschisten nenne?« »Dann verklage ich Sie nicht.«

Paolo Di Canio gestikuliert, er führt Schmäh und gewinnt das Fernduell im Fernsehen. Eine italienische TV-Show hat sich vor dem Serie-A-Spiel Lazio gegen Livorno im April 2005 etwas Besonderes einfallen lassen. Di Canio und Cristiano Lucarelli werden getrennt voneinander dieselben Fragen gestellt. Beide waren Ultras, beide sind gerade erst zu ihrem Herzensverein zurückgekehrt, beide haben vor Kurzem mit ihrem Torjubel für Aufsehen gesorgt.

Lucarelli hatte nach einem Tor die linke Faust in den Himmel gestreckt, Di Canio den rechten Arm zum römischen Gruß. Probleme mögen vielleicht die anderen damit haben, er sicher nicht, sagt Di Canio und plaudert munter weiter: »Mussolini? Der größte Staatsmann in der Geschichte des vereinigten Italiens.« Heute, als neuer Sunderland-Coach in der Premier League, will Paolo Di Canio von all dem nichts mehr wissen: Er sei kein Faschist, er interessiere sich nicht einmal für Politik und möchte sich ausschließlich auf den Fußball konzentrieren.

Die beiden Aussagen sind so widersprüchlich, dass sie eigentlich nur einen Schluss zulassen: Di Canio ist ein Opportunist. 2005, als er zu Lazio zurückkehrte, tobte im Verein ein Machtkampf zwischen Neo-Präsident Claudio Lotito und der Ultra-Gruppe »Irriducibili«, die ihren Einfluss bedroht sah. Di Canio schlug sich auf die Seite seines alten Fanklubs, der ihn zum Sprachrohr innerhalb des Vereins machte. Er demonstrierte seine Freundschaft zum rechtsextremen Ideologen Paolo Signorelli und zeigte seine Verbundenheit durch die offensive Zurschaustellung seiner »Dux«-Tätowierung und des römischen Grußes.

Auch wenn er dafür Strafen bekam, genoss er die mediale Aufmerksamkeit. Warum auch nicht? Faschisten waren im politischen Spektrum Italiens längst wieder etabliert, Rom wird seit 2008 sogar vom Postfaschisten Gianni Alemanno regiert. Paolo Di Canio war verrückter als andere, verkörperte aber so etwas wie rechtsextreme Folklore: radikal und oberflächlich zugleich.

Aber nur in Italien. In England sind derartige Positionierungen nicht möglich. Eigentlich hätte Di Canio nach seinem Engagement bei Swindon vorgewarnt sein müssen. Dort beendete die Gewerkschaft GMB nach seiner Bestellung ihr Sponsoring. Weitere Folgen blieben allerdings aus. Di Canio war klug genug, nicht über Politik zu reden, und diese Haltung hat funktioniert.

Doch der Drittligist Swindon ist nicht der Premier-League-Klub Sunderland, und wenn mit David Miliband ein Ex-Außenminister den Aufsichtsrat verlässt, sorgt das für Aufruhr. Spätestens als das antirassistische Netzwerk FARE ihn den ersten faschistischen Trainer der Premier League nannte, blieb Di Canio nur die Flucht in die nächste opportunistische Haltung: Er sagt das, was man von einem Sportler erwartet - nämlich nichts Sub­stanzielles.
 
Di Canio wiederholt das Mantra vom unpolitischen Sport. Die öffentliche Auseinandersetzung über die politische Dimension des Sports ist damit beendet. Oberflächlich ist aber nicht nur Di Canio, sondern alle, die sich in einer solchen Debatte mit derartig banalen Zugeständnissen zufriedengeben. Vielleicht hat das seichte Geplänkel zwischen dem Kommunisten Lucarelli und dem Faschisten Di Canio im italienischen Fernsehen viel mehr über das Verhältnis von Fußball und Politik ausgesagt als die englischen Hauptabendnachrichten.

Referenzen:

Heft: 81
Rubrik: Kommentare
Verein: AFC Sunderland
ballesterer # 121

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