Die Festung der Freiheit

cache/images/article_2546_nicole_140_140.jpg

Der Fußball erklärt sich selbst zum Sinnbild der Freiheit, doch jenseits dieser Symbolik setzt er auf Altbewährtes und erhöht die Mauern seiner Festung.

Nicole Selmer | 09.12.2015
Die Anschläge von Paris trafen keine Symbole staatlicher und wirtschaftlicher Macht, sie trafen Menschen, die an einem ganz normalen Freitagabend ausgingen – auf ein Konzert, in Bars, Restaurants oder zu einem Fußballspiel. Sie zielten, so die verbreitete Interpretation, auf einen Lebensstil von Unbeschwertheit und Freiheit. Der Fußball hat diese Rolle des bedrohten Symbols in den folgenden Tagen und Wochen weit offensiver angenommen, als dies Gastronomie- und Musikbranche – die weiteren Ziele der Anschläge – getan haben.

Das Länderspiel des französischen Nationalteams im Londoner Wembley-Stadion fand in Anwesenheit von Premierminister David Cameron und Prinz William statt, die Tribünen waren in die Farben der französischen Fahne getaucht, Spieler und Zuschauer sangen die französische Nationalhymne – es war, wie der Guardian schrieb, nicht nur ein Fußballspiel, sondern ein kollektiver Akt des Trotzes. Paris Saint-Germain veröffentlichte Ende November ein Video, in dem zahlreiche Stars der Sportwelt in verschiedenen Sprachen ihre Solidarität erklären: „Nous sommes unis“ – Wir sind vereint.

Es sind Gesten wie diese, mit denen sich der Fußball zum Sinnbild der Freiheit erklärt. Jenseits dieser Symbolik setzt er jedoch auf Altbewährtes und erhöht die Mauern seiner Festung: Die Sicherheitsvorkehrungen für Fußballspiele – ob in Frankreich oder anderswo, ob Liga, Europacup oder Länderspiel – sind massiv verstärkt worden. In den Stadien werden mehr Polizisten und Ordner, stärkere Kontrollen oder gleich Metalldetektoren eingesetzt. Den Fans wird zur früheren Anreise geraten – oder sie werden gar ausgesperrt. Das Europa-League--Spiel von Brügge gegen Napoli fand ohne Zuschauer statt, Gästefans sind im französischen Ligafußball zunächst bis Mitte Dezember untersagt – die Sicherheit sei sonst nicht zu gewährleisten, da nicht genügend Polizei abgestellt werden könne. Es gehört nicht viel dazu, sich die Szenarien auszumalen, die die Besucher bei der Europameisterschaft erwarten werden. Der in Frankreich im November vorübergehend verhängte Ausnahmezustand droht im kommenden Sommer über Wochen.

Seit den Terroranschlägen von Paris ist es immer wieder zu hören: „Wir dürfen uns unseren Alltag nicht nehmen lassen, wir müssen unser Leben allen Bedrohungen zum Trotz weiterleben.“ Es sei wichtig, zur Normalität zurückzukehren, eben jener Normalität, die Ziel der Angriffe war. Der Fußball stellt den Anspruch, genau das Spieltag für Spieltag zu verkörpern, dabei allerdings ist er auf dem besten Weg, eine neue Normalität zu erschaffen, die mit Freiheit und Unbeschwertheit nichts mehr zu tun hat.

 

Referenzen:

Heft: 108
Rubrik: Anstoß
ballesterer # 121

Der nächste Ballesterer

Der nächste ballesterer fm erscheint am 18.05.2017.

Abo bestellen

Leserbrief

an den ballesterer_web_small.png