Die letzte Weltmeisterschaft

cache/images/article_2277_nicole-selmer_140.jpg Sie hat sich die Messlatte sehr hoch gelegt: Bei der Auslosung zum Confed-Cup im Dezember 2012 verkündete Präsidentin Dilma Rousseff, dass Brasilien die Weltmeistersschaft gleich zweimal gewinnen müsse: auf dem Platz und daneben.
Nicole Selmer | 12.05.2014

Man wolle der Welt zeigen, dass es nur einen Rekordweltmeister gebe und zugleich unter Beweis stellen, dass Brasilien ein unvergessliches Turnier mit erstklassiger Organisation und großer Gastfreundschaft ausrichten könne.

 

Eineinhalb Jahre später scheint der sechste WM-Titel für Brasilien der einfachere dieser zwei Siege zu sein. Damit Brasilien auch jenseits des Rasens gewinnt, ist es nicht wichtig, ob auch die letzte Glühbirne in den zwölf Stadien eingeschraubt ist, wie viele Taxifahrer sich auf Englisch verständigen können oder wie viel die WM-Besucher für ein Bier in einer Bar in Rio zahlen müssen. Es wird darum gehen, welchen Preis die brasilianische Regierung für einen möglichst ungestörten Ablauf der Weltmeisterschaft zu zahlen bereit ist. Denn politische Proteste werden auch bei der WM wieder aufflammen, und am Umgang mit ihnen wird sich entscheiden, ob Brasilien gewinnt oder verliert. Die Proteste im Zaum zu halten oder sie niederzuschlagen, ist in erster Linie eine Frage von Organisation und Gewaltbereitschaft. Massive Einsätze der Polizei in den vergangenen Wochen in Favelas in Rio und auf den Straßen von Sao Paulo und Salvador lassen nicht unbedingt auf einen deeskalierenden Zugang schließen.


Um Leib und Leben von Fans oder FIFA-Funktionären muss sich die brasilianische Regierung wahrscheinlich weniger sorgen als um die Wirkung solch repressiver Maßnahmen auf die eigene Bevölkerung. Wer zur WM reist, wird ein schönes Land, hochklassigen Fußball und eine vielleicht nicht immer funktionierende Infrastruktur erleben. Im Unterschied zu den WM-Besuchern werden die Brasilianerinnen und Brasilianer aber auch nach dem 13. Juli noch da sein.


Nicht eindeutig abschätzbar sind die Folgen, die sich aus dem Turnier ergeben - für Brasilien ebenso wie für künftige Weltmeisterschaften. Es werde die copa das copas werden, hat Dilma Rousseff vor wenigen Wochen gesagt, das Turnier der Turniere. Damit könnte sie recht behalten, wenn auch anders als gemeint. Denn die Weltmeisterschaft in Brasilien könnte unvergesslich werden, weil sie vielleicht die letzte ihrer Art sein wird. Eine Veranstaltung, die mit immensen Kosten für Projekte ohne nachhaltigen Nutzen verbunden ist, die so stark in das Leben der Menschen eingreift und sie gleichzeitig so wenig einbindet, hat keine Zukunft mehr.


Schon vor dem Eröffnungsspiel lässt sich immerhin eine Lehre aus der WM 2014 ziehen: Ein Veranstaltungskonzept, das auf immer neue Rekorde, immer mehr Ausgaben und immer weniger Beteiligung der Menschen setzt, wird zu Widerstand führen. Zumindest in demokratischen Staaten, deren Bevölkerung gewillt ist, ihre Rechte auf Versammlungs- und Meinungsfreiheit auszuüben.

Referenzen:

Heft: 92
ballesterer # 117

Der nächste Ballesterer

Der nächste ballesterer fm erscheint am 13.12.2016.

Abo bestellen

Leserbrief

an den ballesterer_web_small.png