Heute sind diese Probleme längst ausgesessen. Blatter hat den bösen Drachen WADA nun erlegt. Branchenkollegen hatten es ja eigentlich von ihm erwartet. Wer sonst sollte einen Sonderstatus aushandeln, wenn nicht der strahlende Ritter mit der Teflonrüstung, an dem jeder Korruptionsvorwurf runterflutscht wie die Palatschinke aus der Polymer-Bratpfanne?
Die Mitte April von der FIFA verkündete Lex Fußball besagt: In einer Pilotphase bis 2010 müssen der WADA die Aufenthaltsorte der Kicker zwecks ständiger Testgefahr im Gegensatz zu allen anderen Sportarten nur mehr en bloc mitgeteilt werden. Kurz gesagt wird also nur gemeldet, was eh jeder weiß: wo Kader und Betreuerstab eines Vereins gerade unterwegs sind, etwa auf Trainingslager oder bei Auswärtsspielen. Individuelle Meldepflichten entfallen weitgehend. Damit nicht genug, wünscht sich die FIFA auch eine kontrollfreie Zeit im Urlaub.
Der Drache ist gezähmt, und Ritter Sepp darf sich unter seinesgleichen feiern lassen. Denn dass der Sonderfall nicht lange Sonderfall bleibt, ist klar. Alle anderen werden gleiches Recht einfordern. Der geständige Doper und Radsport-Kronzeuge Jörg Jaksche drückt es mit einem Schuss Machismo so aus: »Die FIFA hat Macht und die WADA keine Eier.«
Die WADA versucht nun zurückzurudern und will von Urlaubsregeln nichts mehr wissen. Aber der Schaden ist angerichtet: Die FIFA hat die Fronten abgesteckt und allen die eigene Macht ins Gedächtnis gerufen. Womit will man einem Verband auch drohen, für den nicht einmal der Olympia-Ausschluss eine ernsthafte Drohung ist, weil er selbst im Vierjahresrhythmus einträgliche Partys schmeißt? Dank Teflon-Sepp wissen jetzt wieder alle: Die FIFA ist unangreifbar. Sie sitzt in der Schweiz in einem quasi rechtsfreien Raum und lässt sich nicht dreinreden. Von niemandem.
Was bleibt? Notwendige, aber leider notorisch am Thema vorbei geführte Debatten über die Gründe für die Meldepflicht auf der einen und berechtigte Datenschutzbedenken auf der anderen Seite. Und Futter für das alte Märchen vom Fußball, in dem Doping keinen Sinn habe. Erst kürzlich hat Victor Conte, der Drahtzieher hinter dem BALCO-Labor, das ganze Batterien von US-Sportlern versorgt hatte und für Dutzende Medaillen verantwortlich zeichnete, wieder betont: Wettkampftests bringen nichts. Off-Season, also im sogenannten Urlaub, da erwischt man sie.
So will die WADA ja nicht tatsächlich jeden Sportler im Urlaub quälen. Aber er oder sie soll nicht wissen, ob und wann. Das ist relevant, bedenkt man, dass z. B. viele Testosteronpräparate (wenn überhaupt) nur 24 Stunden nachweisbar sind. Der Fußball hinkt traditionell mit den Testmethoden hinterher da werden Ursache und Wirkung verwechselt, ohne ausreichende Kontrollen auch keine Treffer.
Nichtsdestotrotz darf UEFA-Boss und Teflon-Novize Michel Platini wieder verkünden, Doping sei im Fußball kein großes Problem, »sonst würde man mehr darüber lesen«. Eine bestechende Logik. Gab es etwa vor dem Festina-Skandal 1998 viel Lesestoff über Doping im Radsport? Wieso sollte gerade die Sportart, die die besten finanziellen Voraussetzungen für konzertiertes Doping bietet, sauber sein? Die Cashcow soll sicher sein, während wir bei jeder Pimperlsportart darüber diskutieren, dass der ökonomische Druck die Sportler verleitet?
Fußball baut auf Ausdauer und Übungswiederholung auf, Laufleistung und Sprintanteil steigen kontinuierlich, während immer mehr Spiele pro Saison absolviert werden. Ist es wirklich ein Unterschied, ob Andrej Arschawin seine Triebwerke in der 120. Minute noch einmal zündet oder Usain Bolt mit angezogener Handbremse und offenen Schuhbändern einen neuen Sprintweltrekord ertanzt?
Ex-WADA-Chef Richard Pound meinte einmal: »Natürlich hat Doping für Fußballer Sinn.« Spätestens seit dem Urteil gegen Juventus Turin 2004 ist bekannt, dass dieses Doping konzertiert ablaufen und von den Vereinen organisiert werden kann. Den Rittern von der Teflonrunde ist das egal. Sie haben der WADA klargemacht, wer das Sagen hat. Und sie haben ihr Märchen vom sauberen Helden vor einem bösen Drachen beschützt.






erscheint am 12. Juli 2013.
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