Ein endloser Sommer?

cache/images/article_1832_anstoss_db_140.jpg »So, wie der Ozean Kontinente verbindet, verbindet diese junge Sängerin den Soul der 60er mit modernen Beats und zeitgenössischen Texten.« So wird Oceana, die Interpretin des offiziellen EM-Songs »Endless Summer«, von ihrer Plattenfirma vorgestellt. Wer an ein Remake des Scooter-Klassikers von 1995 denkt, liegt leider falsch.
Radoslaw Zak | 12.04.2012
Oceanas Lied ist eine vier Minuten lange Gehirnwäsche mit langgezogenen »Oh«- und »Yeah«-Lauten, die rund um die EM Millionen Trommelfelle peinigen wird. Als über rein musikalischen Geschmack hinaus problematisch erwies sich der Songtitel: Sommer heißt auf Polnisch »lato«, und diesen Nachnamen trägt auch Verbandspräsident Grzegorz.


»Das Lied ist keine Verbeugung vor ihm«, versicherte die polnische Verbandspressesprecherin Agnieszka Olejkowska umgehend nach der Präsentation des Songs. Anderenfalls hätte es wohl auch Probleme mit der Ukraine gegeben, schließlich war deren Verbandschef Grigori Surkis die treibende Kraft hinter der gemeinsamen EM-Bewerbung beider Länder. Der bloße Verdacht zeigt jedoch bereits, wie umstritten und unbeliebt Lato und der polnische Verband PZPN in der Öffentlichkeit sind. Seit seinem Amtsantritt 2008 werden ihm Korruption und Freunderlwirtschaft vorgeworfen, das öffentliche Ansehen des PZPN ist aber schon weitaus länger ramponiert. Erst kürzlich tauchte ein vom ehemaligen Verbandsmitglied Grzegorz Kulikowski aufgenommener Gesprächsmitschnitt auf, in dem Lato für einen Geschäftsdeal eine persönliche Beteiligung von zehn bis 20 Prozent fordert. Dabei soll es um nichts weniger als die Ausschreibung für den Bau des neuen Verbandssitzes in Warschau gegangen sein.


Lato hat Freunde. Sie lenken den Verband seit dem Zusammenbruch der ehemaligen Volksrepublik. Sie sind ein Staat im Staat, der gegen jegliche Einmischung immun ist. Als der damalige Sportminister Tomasz Lipiec 2007 die Geschäftsführung des PZPN wegen ihrer Verwicklung in einen Manipulationsskandal absetzte, sah die FIFA darin einen Verstoß gegen den Grundsatz der Autonomie des Sports und drohte mit Ausschluss. Fristgerecht wurde die Geschäftsführung um Michal Listkiewicz wieder eingesetzt, und FIFA-Präsident Sepp Blatter verkündete, Polen habe das Vertrauen des Weltverbands zurückgewonnen. Nur ein Jahr später drohte die FIFA mit dem Ausschluss aus der WM-Qualifikation und die UEFA mit dem Entzug der EM-Endrunde, nachdem Lipiecs Nachfolger Miroslaw Drzewiecki mit Hilfe des Olympischen Komitees des Landes die Verbandsführung suspendiert und durch einen unabhängigen Verwalter ersetzt hatte. Kurze Zeit später setzte die polnische Regierung diesen wieder ab, um FIFA und UEFA wieder gnädig zu stimmen. Die Verbände erklärten, der neu zu wählenden Verbandsführung »im Kampf gegen kriminelle Vorgänge in und um den Fußball« helfen zu wollen. Und dann kam Lato


Erst im März scheiterte der bisher letzte Versuch der verbandsinternen Opposition, den Präsidenten abzusetzen, an zu wenigen Unterstützern. Somit dürfte der ehemalige Nationalspieler und WM-Dritte von 1974 zumindest bis zu den Verbandswahlen im Oktober fest im Präsidentensattel sitzen. Für den polnischen Fußball bleibt zu hoffen, dass der Sommer nicht ewig währt und der Herbst einen Neuanfang bringt.

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Heft: 71
Rubrik: Kommentare
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