Ein goldener Ball und jede Menge Chaos

cache/images/article_1588_ballondor_140.jpg Wesley Sneijder verdient einen Preis. Der Niederländer, von TV-Analytiker Manfred Zsak liebevoll »Schneider« genannt, war bei der WM in Südafrika zusammen mit Diego Forlan und Thomas Müller bester Torschütze und ein paar Wochen zuvor mitverantwortlich für Inters Champions-League-Sieg. Bei der Wahl zum FIFA-Weltfußballer wurde er Anfang Jänner aber nur Vierter.
Mario Sonnberger | 01.02.2011
Während Teamchefs und kapitäne mehrheitlich Messi, Iniesta und Xavi aufs Stockerl hoben, favorisierte die Presse Sneijder. Wäre der »Ballon dOr« wie noch vor einem Jahr vom Fachmagazin France Football vergeben worden, hieße sein Gewinner und damit inoffiziell Europas Fußballer des Jahres also weder Messi noch Iniesta, sondern eben Wesley Sneijder.

Oder doch nicht?
Bevor die Franzosen die Wahl 2011 dem Weltverband überantworteten, bestimmten hauptsächlich Journalisten aus UEFA-Ländern den Sieger. Die FIFA globalisierte das Prozedere. Presse-Champ Sneijders Glanz erreichte diesmal auch entlegene Regionen wie Neukaledonien und Lesotho. In der Mongolei landete er knapp hinter Andres Iniesta auf Platz zwei, auf Tahiti wiederum hatte Lionel Messi die Nase vorn. In Summe ein heilloses Durcheinander und basisdemokratischer Unsinn.

Verlangt man die Expertise einer Jury, darf eben nicht jeder mitreden. Gerade im Journalismus kann mans sowieso den wenigsten recht machen. Beispiel Spanien: In der Madrider Marca stand zu lesen, das Land sei »sehr wütend« darüber, dass der »Ballon dOr« nicht an die Weltmeister Xavi oder Iniesta ging. Für das spanische Votum sorgte Paco Aguilar vom katalanischen Konkurrenzblatt Mundo Deportivo. Der setzte zwar Xavi an die Spitze, gab aber auch dem späteren Sieger Messi Punkte. An dritter Stelle wiederum: Sneijder.

Chaos
Walter Kowatsch-Schwarz, Österreich-Korrespondent von France Football, stimmte übrigens für Andres Iniesta. Die U-Bahn-Zeitung Heute dürfte dabei Mäuschen gespielt haben, brachte sie doch am Tag der Verkündung ein großes Iniesta-Interview (»Was würde Andres Iniesta heute arbeiten, wenn ...«) und verlautete: »Heute soll Spaniens Kult-Kicker in die Riege der Fußball-Götter gewählt werden.« Dass es dann ganz anders kam, war am nächsten Tag naturgemäß eine »Überraschung in Zürich«. Für die zumindest, die sich selbstsicher Schlagzeilen zusammenreimen, wenn sie arbeiten gehen. Vielleicht wäre ein Sneijder-Interview doch besser gewesen ...

Als wirkliche Überraschung konnte man höchstens die Wahl der georgischen Kollegen bezeichnen. Für sie war Altstar Miroslav Klose 2010 der drittbeste Spieler der Welt ein Unikum in der Presselandschaft. Zumindest bei zwei Erfolgstrainern dürften sie damit aber einen Stein im Brett haben: Bryan Robson (Thailand) und natürlich Didi Constantini.

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Heft: 59
Rubrik: Kommentare
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