Realität
George Orwell lässt grüßen: Macht hat, wer sich die Realität basteln kann. Aber, damit sind wir wieder bei den Unterschieden angelangt: Das Treiben der FIFA ist wenigstens bei der WM öffentlich. Die Handlungen nach außen entblößen das Innenleben. Die Fehlpfiffe lenken den Blick wieder einmal darauf, wie die FIFA funktioniert. Der Einsatz technischer Hilfsmittel wurde in den vergangenen Wochen andernorts zielführender diskutiert. Nur so viel dazu: Bei meinen U12-Spielen hat ein Gemeindebediensteter namens Sigi gepfiffen. Sigi hat auch vor dem Spiel den Rasen gemäht. Sigi war schwerhörig. Sigi war des Sprintens nicht mächtig. Von Assistenten an den Outlinien konnte der gute Sigi nur träumen. Von einem Headset wagte er wohl nicht einmal zu träumen. Es ist also Irrsinn, von gleichen Voraussetzungen in allen Ländern und Ligen dieser Welt zu fabulieren.
Russenmafia
Aber zurück zum Krisenmanagement der FIFA. Sie versuchte einen Bauerntrick: Es war eine kalkulierte Eskalation, dass der Deutsche Wolfgang Stark das letzte Gruppenspiel Englands gegen Slowenien leiten musste. Als es mehr als wahrscheinlich war, dass England im Achtelfinale auf Deutschland treffen würde. Eine Blendgranate, um die Medien von den Fehlpfiffen wegzulotsen. Bohren wir weiter: Das Referee-Wesen der FIFA ist fest in der Hand eines einzigen Landes. Der Spanier Jose Maria Garcia-Aranda leitet die Referee-Abteilung der FIFA, Angel Maria Villar Llona sitzt der Schirikommission vor und ist nebenbei Chef des spanischen Verbandes. Der schale Geschmack beginnt faulig zu schmecken, ruft man sich die Indiskretionen in Erinnerung, die den Rücktritt von Englands Verbandschef Lord David Triesman vor der WM erzwangen. In einem geheim aufgezeichneten Gespräch hatte Triesman von einem angeblichen Deal der Spanier mit den Russen geredet: Spanien würde die WM-Bewerbung für 2018 zurückziehen und Russland unterstützen, wenn die Russen ihre Kanäle nutzen, um die Referees bei der WM Spanien-freundlich stimmen. Das Thema verschwand obwohl man Triesman als gestandenen Brancheninsider doch ernst nehmen hätte müssen.
Beweise gibt es nicht. Aber weitere Puzzlesteine. Seit Ende 2008 kokelt ja eine weitere Affäre in Spanien dahin. Eine Gruppe der Russenmafia ist inhaftiert, weil sie von Spanien aus Einfluss auf Halbfinale und Finale des UEFA-Cups 2008 genommen haben soll. In Summe ergibt das ein verdammt schlechtes Bild. Und während der WM schafft es nicht einmal die FIFA, dieses Bild vor der Öffentlichkeit zu verbergen. Vielleicht sollte die FIFA sich doch ein paar Weisheiten des nordkoreanischen Regimes zu Herzen nehmen. Ein Sinnspruch des großen Kim Il Sung lautet zum Beispiel: »Die Augen der Massen sind voll der Weisheit.« Sie sehen es, wenn sie verarscht werden.






Die Fehlentscheidungen der Schiedsrichter bei der WM haben etwas Gutes: Sie offenbaren wieder einmal, wie es um die Strukturen dahinter bestellt ist.
erscheint am 12. Juli 2013.
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