Ein Turnier zum Vergessen

cache/images/article_2627_jakob_140.jpg

Man wird sich daran gewöhnen müssen, dass bei Großturnieren die vielleicht besten Fußballer spielen, aber ganz sicher nicht der beste Fußball zu sehen ist.

Jakob Rosenberg | 20.07.2016

„Niemand wird sich an uns erinnern.“ Andrea Barzagli sorgte für einen rührenden Moment bei der EM. Unter Tränen beklagte er nach der Viertelfinalniederlage gegen Deutschland das Scheitern Italiens. Der Reporter hielt sich mit tröstenden Worten zurück – vielleicht um nicht lügen zu müssen. Denn von dieser Europameisterschaft wird tatsächlich nicht viel in Erinnerung bleiben. Hochklassig war das Turnier nicht. Das mag verschiedene Gründe haben, die einen geben dem aufgeblähten Modus am Ende einer langen Saison die Schuld dafür, andere der defensiven Disziplin so mancher Mannschaft.

 

Wesentlicher ist aber eine andere Tendenz, die sich bei internationalen Großturnieren schon länger abzeichnet: Die Nationalteams fallen im Vergleich zu den Klubmannschaften immer stärker ab. Das ist eine logische Entwicklung, nicht nur weil Klubs bei der Auswahl ihrer Spieler flexibler sind, sondern auch weil Klubspieler teilweise über Jahre täglich gemeinsam trainieren und in einem Mannschaftsgefüge dementsprechend gut harmonieren. Am auffälligsten hat das die eher durchschnitt-liche italienische Mannschaft unterstrichen, die sowohl personell als auch vom System auf dieselbe Verteidigung setzte wie Serienmeister Juventus.

 

Die Kluft zwischen Nationalteams und Klubs ist in den letzten Jahren immer größer geworden, weil sich die Trainingsarbeit in den Vereinen zunehmend professio-nalisiert hat. Das trifft nicht nur auf die größten Ligen Europas zu, sondern auch auf solche, die sich als Aus-bildungsländer definieren lassen – und dort speziell auf den Nachwuchs. Es ist kein Zufall, dass zehn der vierzehn Spieler, die für Portugal im Finale zum Einsatz kamen, in der Akademie von Sporting CP Fußball spielen gelernt haben. Die gemeinsame Spielphilosophie und Spiel-erfahrung können bei Turnieren, in denen bunt zusammengewürfelte Spieler verschiedener Klubs antreten, den entscheidenden Unterschied ausmachen. Ein gut organisiertes Kollektiv kann eine Ansammlung individueller Stars besiegen.

 

Man wird sich daran gewöhnen müssen, dass bei Groß-turnieren die vielleicht besten Fußballer spielen, aber ganz sicher nicht der beste Fußball zu sehen ist. Daher lassen diese Turniere auch keine Rückschlüsse auf taktische und spielerische Trends zu – sie sorgen allenfalls für eine stärkere Sichtbarkeit von Entwicklungen, die sich im Vereinsfußball vollziehen. Auch das zeigte sich schon in früheren Turnieren, beispielsweise bei der EM 2008, die als Durchbruch des Tiki-Taka gefeiert wurde – tatsächlich setzte Spanien auf die Taktik und einen Gutteil des Personals des FC Barcelona.

 

Für die FIFA und ihre Kontinentalverbände ist die schwindende sportliche Bedeutung ihrer Turniere aber noch lange kein Grund zur Sorge, denn vermarkten lassen sich die Events weiterhin vorzüglich. Rund 830 Millionen Euro Gewinn fuhr die UEFA allein mit der EM in Frankreich ein. Der Garant dafür sind statt sportlicher Qualität die Anhäufung von Stars am Platz und die nationale Folklore auf den Rängen. Die Zeit für besseren Fußball kommt nach dem Turnier – auch in der Bundesliga.

Referenzen:

Heft: 113
Rubrik: Anstoß
Thema: EM 2016
ballesterer # 120

Der nächste Ballesterer

Der nächste ballesterer fm erscheint am 13.04.2017.

Abo bestellen

Leserbrief

an den ballesterer_web_small.png