Eric und die Revolution

cache/images/article_1571_cantona_140.jpg ANSTOSS Cantona ist wieder da. Mit einem Dropkick gegen die Banken, den man auch gegen Glazer & Co. anbringen könnte.
Reinhard Krennhuber | 30.11.2010
Es war ein Paukenschlag, wie nur er ihn setzen kann: Eric Cantona. In einem Videointerview fordert das Enfant terrible des Fußballs die Bürger Europas angesichts der anstehenden Sparpakete dazu auf, den Banken und Regierungen einen Denkzettel zu verpassen. Am 7. Dezember solle jeder sein gesamtes Gespartes von seinem Konto abheben, so Cantona in seinem Aufruf. »Wenn das drei Millionen oder zehn Millionen Menschen tun, werden die Banken kollabieren. Das wäre eine echte Revolution.«


Cantona ist mit seinen markigen Forderungen nicht nur in seiner französischen Heimat auf offene Ohren gestoßen. Auch aus England schwappte der Manchester-United-Ikone viel Sympathie entgegen. Und die Fans haben dabei sicher auch an das Fußballgeschäft gedacht, in dem ähnliche Praktiken vorherrschen wie auf dem Finanzsektor.


Wie es sich anfühlt, wenn ein Klub von Investoren als Melkkuh oder strategisches Spielzeug missbraucht wird, davon können nicht nur die Fans von Manchester United ein Lied singen, dessen Besitzer Malcolm Glazer dem Verein nach der Übernahme eine 700-Millionen-Euro-Anleihe aufs Aug gedrückt hat. Auch bei den Rivalen vom Liverpool FC ist mit dem Einzug des neuen Eigentümers John W. Henry bei weitem nicht alles eitel Wonne. Zum sportlichen Misserfolg gesellen sich Medienberichte, wonach bei der Übernahme nicht alle Leichen aus dem Keller geschafft wurden (der Guardian beziffert das Ausmaß auf 45 Millionen Pfund). Weiterhin offen ist zudem ein 37-Millionen-Kredit für das neue Stadion. Und dem vielfach als Messias gefeierten Henry ist es nicht untersagt, weitere Schulden anzuhäufen.


Die Liste an Negativschlagzeilen lässt sich quer durch alle englischen Ligen fortsetzen: Tottenham bezahlte seine Champions-League-Qualifikation mit einem Minus von 6,6 Millionen Pfund im abgelaufenen Geschäftsjahr. Kleinere Vereine wie die Bolton Wanderers fordern ein Salary Cap, das ihnen helfen soll, die Schulden im Fall Boltons fast 100 Millionen Pfund zu reduzieren. Außerhalb der Premier League schaut es für einige Traditionsvereine überhaupt zappenduster aus. Der FC Portsmouth, der erst Anfang 2010 Insolvenz anmelden hatte müssen, stand im Oktober erneut vor der Zahlungsunfähigkeit. Das in die dritte Liga abgesackte Sheffield Wednesday steht mit 24 Millionen Pfund in der Kreide und sucht verzweifelt nach einem neuen Eigentümer.


Angesichts dessen wirken Einschätzungen, der englische Klubfußball werde auch die nächsten Jahre dominieren, wie Durchhalteparolen von Bankmanagern vor Ausbruch der weltweiten Finanzmisere im Vorjahr. »Die erfundene Krise Warum die Premier League stärker denn je ist«, titelte 11Freunde im Oktober. Gastautor Simon Kuper kommt darin zu dem Schluss: »Fußballklubs gehen fast nie pleite, selbst wenn man es wirklich darauf anlegt. Dafür sind sie als Marke zu stark und wichtig.« Deshalb könnten sie »relativ bedenkenlos« Schulden aufnehmen, meint Financial Times-Kolumnist Kuper: »Wenn die Sache schiefgeht, zahlen sie die Schulden eben nicht zurück, der frühere Vorstand tritt ab und ein neuer erscheint auf der Bildfläche.«
Ob Kuper seine These relativieren muss, wird sich weisen. Zahlreichen englischen Klubs stehen jedenfalls stürmische Zeiten ins Haus. Auch dann, wenn Eric Cantona nicht auf die Idee kommen sollte, seine Botschaft auf den Fußball auszuweiten. Von Klubbesitzern enttäuschte Fans werden auch so ihre Saisonkarten nicht verlängern und ihre Pay-TV-Abos stornieren. Wahrscheinlich noch nicht am 7. Dezember. Aber spätestens, wenn sie die Sparpakete zu spüren bekommen.

Referenzen:

Heft: 58
Rubrik: Kommentare
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