Falscher Feueralarm

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Rapid-Fans und Polizeivertreter waren sich einig. „Aus meiner Sicht ist die Ausnahmebewilligung gescheitert“, sagte Polizeijurist Michael Lepuschitz Anfang März im sky-Interview vor dem Wiener Derby. Es ging um die Möglichkeit zur legalen Verwendung von Pyrotechnik in den Stadien.

Jakob Rosenberg | 17.03.2015

Einige Tage zuvor hatten Rapid-Fangruppen Ähnliches in einer gemeinsamen Stellungnahme geschrieben. In ihrem Kommuniqué räumten sie zudem das Scheitern der Kampagne „Pyrotechnik ist kein Verbrechen“ ein.

Die kurvenübergreifende Initiative war vor fünf Jahren anlässlich einer Gesetzesverschärfung durch die damalige Innenministerin Maria Fekter gestartet – und sollte zur starken Demonstration für Fananliegen werden: Hunderte Fanklubs unterzeichneten die Forderungen, bei jedem Spiel hingen Transparente an den Zäunen, Fans in Deutschland gründeten eine Kampagne nach dem österreichischen Vorbild. Die Initiative war nicht nur mit einer eindrucksvollen Mobilisierung der Basis erfolgreich, sondern auch dank der professionellen Öffentlichkeitsarbeit: Fans verteilten vor den Spielen Flugblätter an die Stadionbesucher, traten in den Dialog mit Vereinen und Liga und führten in den Medien Streitgespräche. Nach wenigen Monaten hatten sie zwar das Gesetz nicht gekippt, aber einen Kompromiss durchgesetzt: Pyrotechnik konnte unter Auflagen legal gezündet werden.

Doch die Ausnahmebewilligung brachte nur kurze Entspannung. Die Strafen wurden weniger, aber deutlich höher. In der Saison 2013/14 stieg die Zahl der illegal verwendeten pyrotechnischen Gegenstände laut Innenministerin Johanna Mikl-Leitner erstmals seit 2009/10 wieder an. Betonte die Innenministerin in den letzten parlamentarischen Anfragen noch die Sinnhaftigkeit der Ausnahmeregelung, vollzieht die Polizei jetzt einen Schwenk. Polizist Lepuschitz machte die Fans für das Scheitern verantwortlich. Die wiederum beschweren sich über unsinnige Auflagen und willkürliche Schikanen. Doch die frühere Wucht der Pyrotechnikinitiative ist verpufft, die vereinsübergreifende Zusammenarbeit mit offensiven Forderungen Geschichte.

Die Bundesliga hat mit ihren Reaktionen klargemacht, wie sie sich positioniert. Sie setzt auf empfindliche Geldbußen für die Vereine und auf – seit dem Zeitalter der Aufklärung verpönte – Kollektivstrafen für die Fans. Austria und Rapid bekamen nach dem Derby im November neben hohen Geldbußen Bewährungsauflagen für ganze Fanblöcke und Auswärtsfahrtverbote. Die Rapid-Fans vermuten dahinter den Versuch, die Fanszene zu spalten. Dieses Kalkül mag ein Motiv sein, womöglich handelt die Liga aber einfach aus Unvermögen im Umgang mit einer renitenten Jugendkultur. Sie hat die Pyrotechnikinitiative nicht als Chance erkannt, die über die Kurzlebigkeit konkreter Kampagnendynamiken hinausreicht. Sie hat keinen kontinuierlichen Dialog auf Augenhöhe etabliert. Dadurch fehlt es ihr jetzt an Strukturen, um den Konflikt zu lösen. Das Scheitern von „Pyrotechnik ist kein Verbrechen“ ist ein Scheitern der Liga.

Referenzen:

Heft: 100
Rubrik: Anstoß
ballesterer # 121

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