Fiktive Einheit

cache/images/article_2224_jakob2_140.jpg Das Wiederholen von Stereotypen ist keine rebellische Geste der Ultras, sondern eine konformistische.
Jakob Rosenberg | 17.10.2013

"Wir werden von einer Minderheit erpresst", sagt Serie-A-Vorstand Maurizio Beretta. Im italienischen Fußball wird wieder einmal eine bewährte Drohkulisse aufgebaut: Die Ultras sind schuld. Aktueller Hintergrund ist die Umsetzung von Antirassismusrichtlinien der UEFA: Bei einem Vergehen von Fans wird zunächst die betreffende Kurve gesperrt, dann das Stadion. Sollte das alles nichts helfen, drohen Strafverifizierungen am Grünen Tisch. In den Statuten wird auch territoriale Diskriminierung als Rassismus gewertet, diese italienische Eigenheit führte bereits zur Sperre der Milan- und Inter-Kurve: Die Mailänder Fans hatten Gesänge gegen Neapolitaner angestimmt - auch bei Spielen, an denen Napoli gar nicht beteiligt war. Der bekannteste Schmähgesang spielt mit gängigen Stereotypen über die Stadt: schlechte Hygiene, Cholera und Naturkatastrophen.


Als Milan die zweite Eskalationsstufe erreichte und das Stadion gesperrt werden sollte, forderte Geschäftsführer Adriano Galliani die Abschaffung des Paragrafen, schließlich könne sonst jeder Nachbarschaftsstreit als territoriale Diskriminierung gewertet werden. Den Großteil der Medien und Vertreter anderer Vereine hatte er dabei auf seiner Seite: Es gebe einen Unterschied zwischen Spott und Diskriminierung, so der Tenor. Außerdem müsse man durch Fanverhalten provozierte Stadionsperren verhindern. Genau das nämlich wollen Ultras der großen Drei aus dem Norden - Juventus, Inter und Milan - erreichen. Sie forderten die anderen Kurven auf, die Gesänge gegen die Neapolitaner zu intensivieren, um die Schließung aller Stadien zu erwirken. Die freie Meinungsäußerung sei gefährdet. Das Recht auf Beschimpfung soll die Ultras also zusammenschweißen. Sogar die Neapolitaner selbst hätten die richtige Mentalität gezeigt, als die "Fedayn" das Spruchband "Napoli Cholera - jetzt schließt unsere Kurve" zeigten und Napoli-Schmähgesänge angestimmt hatten.


Eine Kollektivstrafe wie das Sperren von Fanblöcken ist immer eine falsche Reaktion. Der Protest dagegen sollte aber nicht verdecken, dass Italien ein massives Problem mit Binnenrassismus hat. Die Benachteiligung des Südens ist eine gesellschaftliche Realität, die Einheit Italiens seit 152 Jahren eine Fiktion. Ginge es den Ultras des Nordens tatsächlich um die freie Meinungsäußerung, würden sie Gallianis Rat folgen und Nachbarn beschimpfen, nicht den Süden diskriminieren. Das Wiederholen weit verbreiteter Stereotype ist keine rebellische Geste, sondern eine konformistische. Das sagte auch einer der "Fedayn"-Capos über den Solidaritätsaufruf aus dem Norden: "Wir sind doch nicht verrückt geworden und haben von einem Tag auf den anderen vergessen, was wir uns in den letzten Jahrzehnten anhören mussten. Unser Transparent und die Gesänge waren ironisch gemeint." Das Sportgericht hat in zweiter Instanz die Sperre des Meazza-Stadions aufgehoben und will prüfen, ob es sich wirklich um Rassismus handelt. Es ist auf die Linie des Nordens, wo sich Funktionäre wie Ultras einig sind, eingeschwenkt.

Referenzen:

Heft: 86
Thema: Italien, Rassismus
ballesterer # 120

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