Florin Mittermayr: Warme Worte

Florin Mittermayr | 09.05.2008
Wer seinen Wortschatz erweitern will, der gehe auf den Fußballplatz: Wiener Hausmeister reden in fremden Sprachen von dummen Foulouts, ehemaligen Brieskickern und unnötigen Eigengoals. Hochschulprofessoren parlieren in Fachsprache von Eisenbahnern, Sitzern und dem Schienbeinbruch-Pass. Wer Probleme mit den Lokaladverbien in der österreichischen Umgangsprache hat, der lausche den Menschen am grünen Rasen: Anschaulicher wird er die Unterschiede zwischen »eini« und »eina«, »zuwi« und »zuwa«, »viri« und »vira« garantiert nie wieder demonstriert bekommen.
Gänzlich herausragend sind schließlich die Formen und Grade der Insultierungen auf der Gstetten der Ehre. Auf, und nicht neben derselben: Zärtlich gehaucht oder leidenschaftlich gebrüllt, im intimen Tête-à-tête von Spielermund zu Spielerohr. Auch wenn es Zinédine Zidane im WM-Finale etwas anders gesehen haben mag: Allesamt sind sie Ehrungen, Auszeichnungen und Respektsbekundungen des Gegners. Denn was kann schon mehr Siegesgewissheit und Selbstsicherheit bringen, als ein nervös gezischeltes »Heast, wos is mit dir?« oder ein hilflos gefluchtes »Geh scheißen!«? Doch, genau: Da steht er, das Gesicht so rot wie ein Paradeiser, ohnmächtig, wutschnaubend. Und er spricht es aus so affektiert wie möglich: »Du warme Sau!«
Sic! Touché! Gloria! Er spricht es aus, sagt es laut und deutlich: Hier tanzt einer aus der Reihe Ballett statt Polka. Hier ist einer ohne Goiserer-Fuß zur Welt gekommen. Hier spielt einer Rudolf Chametowitsch Nurejew statt rustikalen Holzknecht. Hier ist jemandem einfach nicht beizukommen. Mit allem Neid gesagt: Ein größeres Privileg kann einem dieserorts kaum zuteil werden.

Referenzen:

Heft: 24
Rubrik: Kommentare
ballesterer # 82

Der nächste Ballesterer

Der nächste ballesterer fm erscheint am 12. Juli 2013.

Abo bestellen

Newsletter


RSS Feed abonnieren

Leserbrief

an den ballesterer