Fröhliche Jagdgesellschaft

cache/images/article_1374_anstoss_ei_140.jpg Die Klubs versuchen mit allen Mitteln, die Schiedsrichter unter Druck zu setzen. Die Attacken sind ein vortreffliches Mittel, um von der eigenen sportlichen Leistung abzulenken.
Reinhard Krennhuber | 30.03.2010
Begonnen hat alles mit einem uberraschenden Pfiff im 292. Wiener Derby. Niemand außer Assistent Alain Hoxha schien den Ellbogenstoß von Jacek Bak an Mario Konrad gesehen zu haben, doch in der Zeitlupe wurde deutlich: Er war zwar sinn- und harmlos, aber vorhanden. Nun kann man argumentieren, ähnliche Aktionen im Strafraum wurden so gut wie nie geahndet, und die Schiedsrichter hätten das notwendige Fingerspitzengefuhl vermissen lassen. Man kann den Elfer aber auch geben.

 

Dass die Austria uber die Entscheidung erbost war, ist verständlich. Schließlich wurde das Derby durch den Elferpfiff mitentschieden. Doch auch wenn Trainer Karl Daxbacher dadurch seine mittlerweile fixierte Vertragsverlängerung gefährdet sah, ein bisschen mehr Niveau hätte er schon an den Tag legen können. Hoxha vorzuwerfen, er habe im Rapid-Nachwuchs gespielt, ist populistisch, weil klar war, dass der Boulevard darauf anspringen wurde, und greift bei genauerer Betrachtung ins Leere, weil es ja impliziert, dass Schiedsrichter keine Fußballvergangenheit haben durften weder als Fan noch als Spieler. Dieser Logik zufolge wären Wasserballer oder Briefmarkensammler die besseren Schiris als Ex-Kicker, die sich seit Jahrzehnten mit dem Fußballbetrieb auseinandersetzen.

 

Teil zwei des fröhlichen Schiri-Jagens ging in der Runde darauf anlässlich der Partie Sturm gegen Rapid in Szene. Sturm und Ligapräsident Johann Rinner sprach sich schon vor dem Match gegen den Einsatz von Schiedsrichter Thomas Einwaller aus, sah seinen Klub danach benachteiligt und kundigte an, sich bei Einwallers Chef zu beschweren. Als Sturm-Präsident, versteht sich, und nicht als Ligachef so viel Persönlichkeitsspaltung darf schon sein. Diese klassisch österreichische Posse war damit allerdings noch nicht beendet. Auf dem Rucken des Schiris wurden noch Machtspiele zwischen Sturm und Rapid ausgetragen, die ihren Ursprung sicher nicht in der Leistung von Einwaller hatten. Schon eher in der Bestellung Rinners zum Ligapräsidenten und in konträren Positionen bei den TV-Geld- Verhandlungen.

 

Diese Scheingefechte und Untergriffe zeigen, dass die Klubs mit allen Mitteln versuchen, die Schiedsrichter unter Druck zu setzen. In Italien hat die auf mediale Gefechte folgende Konditionierung der Schiedsrichter sogar einen eigenen Fachbegriff bekommen: die »sudditanza psicologica«. Diese psychologische Untertänigkeit galt vielen als Erklärungsmuster fur die häufige Bevorzugung von Juventus bis zum Calciopoli-Skandal, in dessen Zentrum nicht etwaige Bestechungsgelder, sondern ebenfalls die Einflussnahme auf Besetzungen stand. Größere Klubs werden dabei in Italien wie in Österreich stets erfolgreicher sein, weil sie eine größere mediale Maschinerie in Gang setzen können. Anders gesagt: Eine von der Burgenländischen Volkszeitung losgetretene Schiri-Diskussion wird nie die Ausmaße einer Krone-Kampagne erreichen. Daneben sind die Attacken auf die Referees ein vortreffliches Mittel, um von der eigenen sportlichen Leistung abzulenken. Und die war zum Fruhjahrsstart bei zahlreichen involvierten Klubs auf keinen Fall besser als jene der Schiedsrichter.

ballesterer # 120

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