Gewaltsekte Chronik

cache/images/article_2249_presse_140.jpg Die Chronik bringt Auflage, heißt es unter Zeitungsmachern. Wo sonst kann man so schön über Gewalt, Verbrechen, Prozess und Strafe schreiben? Im Wettlauf um reißerische Geschichten ist ein guter Draht zur Polizei von Vorteil. Für die Blattmacher ist es dabei auch zu verschmerzen, wenn sich Chronikmeldungen wie Aussendungen des Innenministeriums lesen.
Jakob Rosenberg | 13.03.2014
So auch der Kurier-Artikel von Michael Berger und Wilhelm Theuretsbacher zur geplanten Novellierung des Sicherheitspolizeigesetzes am 22. Februar. In Zukunft sollen nicht nur gewalttätige Aktionen im Stadion, sondern auch auf dem Weg dorthin für eine Aufnahme in die Datei Gewalttäter Sport und Meldeauflagen während eines Spiels reichen. Innenministerin Johanna Mikl-Leitner durfte dem Kurier die Motivation hinter der Verschärfung erklären: Die Meldeauflage sei ein so erfolgreiches Instrument, dass die Gewalt bei Sportgroßveranstaltungen deutlich gesunken sei. Führte ihre Vorgängerin Maria Fekter noch die steigende Gewalt im Fußballkontext als Grund an, macht nun der gegenläufige Trend eine Verschärfung der Gesetzeslage notwendig. Nachfragen vom Kurier gab es dazu keine.


Dafür ergänzte die Onlineredaktion den Artikel durch ein Interview mit Psychiaterin Adelheid Kastner vom 9. September 2012. Auf das ursprüngliche Erscheinungsdatum wies der Online-Kurier nicht hin, Kastners Erklärungen des Phänomens Fangewalt sind offenbar immer gleich aktuell. Dass die Psychiaterin keinen besonderen Fußballbezug aufweist, macht sie durch den nötigen Promifaktor wett, schließlich erstellte sie Gerichtsgutachten zu dem Amstettener Sexualstraftäter Josef F. und der Meidlinger Mörderin Estibaliz C. - und für gute Sager ist die Linzerin sowieso zu haben.


Hooligans seien eine Art Gewaltsekte, die aber mittlerweile von professionellen Fußballrowdys abgelöst wurden, die ihre Aggressionen einfach in der Anonymität ausleben wollen, sagte sie. Viel Hoffnung auf Besserung machte Hobbybiologin Kastner den Lesern nicht: "Junge Männer haben eine Aggression in sich, das ist ganz normal." Eine Lösung fällt ihr dann aber doch ein: Man müsste auch in Österreich rigider kontrollieren. Das Innenministerium hätte es nicht besser formulieren können.

Referenzen:

Heft: 90
Rubrik: Pressecorner
ballesterer # 121

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