Hohe Kosten, wenig Nutzung

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Die Tatsache, dass das Nationalteam Jahr für Jahr Zuschauerrekorde bricht, zeigt auch: Es geht – und ging – deutlich schlechter.

Jakob Rosenberg | 10.11.2015

So gut gebucht wie derzeit war das Ernst-Happel-Stadion schon lange nicht: Rapid trägt noch bis Sommer 2016 seine Spiele im Wiener Prater aus, anschließend wird die Austria Untermieterin. Auch der FAC absolvierte diese Saison sein erstes Heimspiel im größten Stadion des Landes. Und dann gibt es noch das österreichische Nationalteam, das seit dem Amtsantritt von Teamchef Marcel Koller auf den Standort Wien setzt. Anders als bei den Klubs ist das Stadion beim Nationalteam zuletzt auch immer bis auf den letzten Platz gefüllt. Das Team boomt, die Euphorie scheint kein Ende zu nehmen – ÖFB-Präsident Leo Windtner hat das erkannt, in Interviews fordert er den Ausbau zu einem Nationalstadion.

Als Vorbild nennt er Budapest, wo am Standort des alten Ferenc-Puskas-Stadions ein innovativer Bau für 65.000 Zuschauer entstehen soll. Für das Match gegen Liechtenstein hätte der ÖFB auch 70.000 Karten verkaufen können, sagte Windtner – und vielleicht hat er damit sogar recht. Das Heimspiel zum Abschluss der EM-Qualifikation hatte historische Dimensionen, nie wieder wird sich Österreich erstmals sportlich für eine EM qualifizieren. Windtner hat auch mit einem zweiten Punkt recht: Das Happel-Stadion wird hohen Ansprüchen nicht gerecht. Die Sicht ist schlecht, die Laufbahn störend und die Stimmung mäßig, wenn nicht mindestens 30.000 Fans dafür sorgen. Und trotzdem irrt Windtner mit seinen Stadionplänen gewaltig.

Wien hat die Chance gehabt, all das zu realisieren, was sich Windtner heute wünscht. Stadt, Bund und ÖFB haben diese Chance leichtfertig vergeben. Vor der EM 2008 wurden 40 Millionen aus öffentlichen Geldern in das Happel-Stadion gesteckt, zu sehen ist davon wenig. Nun kann Windtner nichts für die Versäumnisse seiner Vorgänger, aber er müsste wissen, dass die Wiener und Wienerinnen kein gesteigertes Interesse daran haben, neuerlich für Sportgroßveranstaltungen zu zahlen. Bei der Volksbefragung 2013 stimmten 72 Prozent gegen eine Bewerbung für olympische Spiele. Zudem hätte ein Nationalstadion nur einen Nutzer: das Nationalteam. Austria und Rapid bauen ihre Stadien, alle anderen Vereine fallen als potenzielle Mieter sowieso aus. Bedenkt man, dass das Nationalteam in den letzten fünf Jahren gerade einmal 20-mal im Happel-Stadion gespielt hat, stellt sich die Kosten-Nutzen-Frage umso dringlicher. Daran würde es auch nichts ändern, wenn in absehbarer Zeit ein Champions- oder Europa-League-Finale in Wien stattfinden würde.

Neben den hohen Kosten spricht noch ein weiterer Faktor gegen einen Ausbau des Happel-Stadions: der sportliche Erfolg. Formkurven steigen und fallen – und damit auch die Mobilisierungsfähigkeit. Die Tatsache, dass das Nationalteam Jahr für Jahr Zuschauerrekorde bricht, zeigt auch: Es geht – und ging – deutlich schlechter. War das Happel-Stadion dieses Jahr bei allen Spielen mit 48.500 Zuschauern ausverkauft, kamen vor zehn Jahren im Schnitt noch rund 30.000 weniger. ÖFB-Präsident Windtner darf ruhig stolz auf das Nationalteam sein, schließlich hat es sich unter seiner Führung gut entwickelt. Von seinem Teamchef kann er aber noch etwas lernen, nämlich ja nie zu hohe Erwartungen aufbauen.

Referenzen:

Heft: 107
Rubrik: Anstoß
Thema: Nationalteam
ballesterer # 120

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