Im falschen Film

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Manche Geschichten sind so unrealistisch, dass sie sich nicht einmal für einen schlechten Films eignen würden. Untalentierte Drehbuchschreiber dürften sich daher gerade ziemlich wundern, wenn sie deutsche Medien verfolgen. Denn dort kursiert die Nachricht, dass die Fanforscher Martin Thein und Jannis Linkelmann beim Verfassungsschutz tätig gewesen sein sollen. 

Jakob Rosenberg | 12.10.2014

Schnell hatten sich die beiden als Gründer des Instituts für Fankultur dank einer Vielzahl von Büchern und Artikeln inklusive langer Interviews mit wichtigen Ultragruppen einen Namen gemacht. Auch im ballesterer haben sie publiziert - im Herbst 2012 boten sie der Redaktion ein Interview mit den "Fortuna Eagles" an, das wir abdruckten.

Die deutsche Regierung sagt zum Fall Thein nichts. Auf eine parlamentarische Anfrage zum Einsatz von V-Leuten im Fußball antwortete sie mit dem Verweis auf evidente Geheimhaltungsgründe. Dass Thein, der als V-Mann-Führer im rechtsextremen Milieu gearbeitet haben soll, und sein Assistent Linkelmann einfach privat ihrer Fußballleidenschaft nachgegangen sind, wird dadurch nicht plausibler. Es ist nichts darüber bekannt, ob verdeckte Ermittler auch in Österreichs Kurven ihren Dienst versehen. Ausgeschlossen ist das angesichts einiger grotesker Fälle von Polizeiarbeit nicht: 2007 wurde eine verdeckte Informantin in die Tierschützerszene eingeschleust, vor Kurzem marschierten 110 Zivilpolizisten und 37 Verfassungsschützer bei der Demo gegen den Aufmarsch der rechtsextremen Identitären mit.

Gänzlich im Dunklen blieben die Motive für einen solchen Einsatz. Die Ultras sind zwar eine manchmal unbequeme Jugendkultur, die Gewalt nicht per se ausschließt und die Polizei gerne häkelt, einen politischen Umsturz planen sie aber nicht. Die Verantwortlichen in der Geheimdienstarbeit müssten ziemlich paranoid sein, wenn sie glauben, dass die organisierte Fanszene eine echte Gefahr für den Staat darstellt. Denn was sollten verdeckte Ermittler dort herausfinden? Wie pyrotechnische Gegenstände ins Stadion geschmuggelt werden? Oder wie die Choreografie beim nächsten wichtigen Spiel ausschauen wird?

Vielleicht ist die Strategie aber wesentlich raffinierter. Denn selbst ohne die Gewinnung geheimdienstlich verwertbarer Erkenntnisse zeigt allein schon eine Aufdeckung von V-Leuten Wirkung. Den Fans wird suggeriert, dass sie eine Bedrohung für den Staat darstellen. Das dient zum einen der Abschreckung, zum anderen schürt es Misstrauen gegenüber jedem, der sich der Szene nähert. Wer soll denn neue Fanklubmitglieder noch offen begrüßen, wenn sich hinter jedem Fan ein Verfassungsschützer verbergen kann? Wer soll noch frei reden, wenn jedes private Detail womöglich in einem Akt vermerkt wird? Effektiver als durch Paranoia und Selbstzerfleischung lässt sich eine Jugendkultur wohl nicht zerstören.

Referenzen:

Heft: 96
Rubrik: Anstoß
ballesterer # 114

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Der nächste ballesterer fm erscheint am 15.09.2016.

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