Immer wieder Katar

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Schön langsam kann man es nicht mehr hören. Sklaverei, Korruption, Nähe zu Terroristen - die Liste der Vorwürfe gegen das arabische Emirat ist erschreckend genug. Nicht einmal mehr Handballfans sind vor einer Konfrontation mit Katars Verfehlungen sicher, vom Fußball ganz zu schweigen. 

Nicole Selmer | 08.02.2015

Zahlreiche Vereine wie Red Bull Salzburg, Schalke 04 und der FC Bayern haben auch heuer wieder dort ihr Wintertrainingslager abgehalten. Die Münchener machten auch noch einen Abstecher nach Saudi-Arabien für ein Freundschaftsspiel. Vor einer beachtlichen Kulisse - von Männern. Frauen ist der Besuch eines Fußballspiels in Saudi-Arabien ebenso verboten wie das Autofahren. Zur gleichen Zeit sollte der Internetaktivist Raif Badawi wegen Beleidigung des Islam öffentlich ausgepeitscht werden. Das passt nicht zum sonst gepflegten Image des weltoffenen und sozialen FC Bayern. Man hätte diese Probleme ansprechen sollen, gestand der Vorstandsvorsitzende Karl-Heinz Rummenigge nach massiver öffentlicher Kritik ein.

Dass die Empörungswelle in diesem Jahr höher schlug als in vergangenen, liegt an der Nachrichtenkonjunktur: Die Toten von Paris haben die Aufmerksamkeit für Angriffe gegen die Meinungsfreiheit geschärft - zumindest kurzzeitig. Das zeigt auch der innenpolitische Hickhack über das König-Abdullah-Zentrum in Wien, schließlich war die Menschenrechtslage in Saudi-Arabien bei dessen Einrichtung vor drei Jahren nicht besser als heute. Der aktuellen Kritik haftet etwas Scheinheiliges an, sie vermittelt den Eindruck, tagesaktuell punkten zu wollen.

Plötzliche und dadurch unglaubwürdige Aufmerksamkeit ist das eine, beständige und dadurch irgendwann fade Aufmerksamkeit das andere. Diese Gefahr hängt über der Berichterstattung zu Menschenrechtsverletzungen in Katar und anderswo. Die Weltmeisterschaft 2022 ist noch in weiter Ferne, bis dahin werden Arbeiter auf den Baustellen sterben, Homosexuelle bestraft und Journalisten zu Sportveranstaltungen eingeladen werden. Und es wird schwieriger werden, darüber kritisch zu berichten, man gewöhnt sich schnell an die Schrecken der Welt.

Ebenso wie an ihren Komfort: Der FC Bayern wird so lange nach Katar fahren, wie es dort im Winter warm ist, das Emirat einer der größten Aktionäre der Volkswagen-Gruppe, zu der Sponsor Audi gehört, bleibt und der Klub für den Aufenthalt auch noch bezahlt wird. Wenn der FC Bayern mit Katar und Saudi-Arabien kooperiert, auch das sagte Rummenigge, tut er nichts anderes als zahlreiche andere westliche Unternehmen und Regierungen. Das ist die zynische Sicht - ein moderner Fußballklub ist ein Unternehmen, der Sport nur ein milliardenschweres Geschäft. Das mag stimmen, der Anspruch ist dennoch ein anderer. Der Fußball ist auch ein Vehikel für Gleichberechtigung, Emanzipation und Gerechtigkeit - selbst wenn das manchmal langweilig werden sollte.

Referenzen:

Heft: 99
Rubrik: Anstoß
ballesterer # 117

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