Klassenkampf
Vor einigen Wochen ging ich in München am Arbeitsamt vorbei. Davor stand ein trauriger, schmächtiger Mann mit blonden, schütteren Locken, etwas o-beinig. Sofort dachte ich: Calle DelHaye. Der Prozentsatz derer, die Calle DelHaye kennen, wird eher gering sein, und genau da setzt mein Hass auch ein.
Dirk Stermann | 12.05.2008
Viele sollten ihn kennen und viele könnten ihn auch kennen, hätte er nicht auf dem Profi-Sklavenmarkt 1980 den falschen Massa bekommen, nämlich Uli Hoeneß. Calle DelHaye war bei Borussia Mönchen¬gladbach ein formidabler, wieselflinker Außenspieler, torgefährlich und wichtig für seine Mannschaft. Es machte Spaß, ihm zuzusehen. Dann kam aus München der Wurstfabrikant Hoeneß mit dem Geldkoffer und nahm DelHaye mit. Zu¬fällig ging ich damals in München an der Säbener Straße vorbei und sah den Bayern beim Training zu. Pal Csernai war damals Trainer und es gab drei Trai¬ningsplätze. Auf dem Hauptplatz trai¬nierten Rummenigge, Augenthaler, Dremmler, Breitner, Dieter »Blutturban« Hoeneß und die anderen. Auf einem Nebenplatz spielte die zweite Garnitur und auf dem dritten Platz lief Calle DelHaye einsam seine Runden. Ich fragte damals irgend so einen alten CSU-Kriegsver¬brecher-Bayernfan, ob DelHaye verletzt sei. War er nicht. Und dann erklärte mir der FCB-Opa, den ich wahrscheinlich Jahre später auf einem Foto in der Wehrmachtsausstellung wiedergesehen habe, dass man den DelHaye ja nicht zum Spielen gekauft habe, sondern vor allem um Borussia Mönchengladbach schwächer zu machen. Da lachte der Bayer zufrieden und hielt sich den SS-Bauch. Fakt ist, dass DelHaye ein paar Mal in der Saison 80/81 eingewechselt wurde, der Mann, der 79/80 noch für riesige Furore gesorgt hatte. Der Mann wurde systematisch fertig gemacht und steht heute scheinbar nächtelang vor Arbeitsämtern. Auf der Homepage des FC Bayern schreibt man Calle mit K und es gibt zwei Eintragungen: »Kalle DelHaye, Saison 80/81, 1 Tor« und »Ab¬schiedsspiel für Lothar Matthäus am 23.5.2000 - viele Weggefährten spielten mit, ...,...,...,...,Kalle DelHaye,...,...« Er kam wahrscheinlich mit der Straßenbahn und wurde von niemandem gegrüßt. Vielleicht musste er sogar Eintritt zah¬len. Er wurde auch nicht als Bayern-Spieler von Matthäus eingeladen, sondern als alter Mannschaftskollege bei Borussia Mönchengladbach. Wer in den 70er und 80er Jahren gerade laufen konnte, ohne umzufallen, wurde von Bayern München weggekauft, um dort Därme mit Wurst zu stopfen oder Bälle mit dem Mund aufzupumpen. Hauptsache, die anderen verloren gute Spieler. So entsteht Hass. Der Hass der Mittellosen. Nicht von ungefähr gab es bei Heimspielen von St.Pauli gegen Bayern München Flugzettel, auf denen einfach nur ein Wort stand: »Klassenkampf«. Dass Bayern München jetzt durch ein Freundschaftsspiel mitgehol¬fen hat, St.Pauli zu sanieren, ist da nur eine historische Randnotiz, die man vernachlässigen kann. So leicht lässt sich Hass nicht verwandeln, im Namen von Calle DelHaye lebt der Klassen¬kampf weiter.






erscheint am 12. Juli 2013.
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