Konzentration aufs Wesentliche

cache/images/article_1903__mg_8320cmyk_140.jpg Nostalgiker warnen vor einer Unterwerfung des Fußballs unter die Technik. Doch warum sollte die Unterwerfung des Fußballs unter einen Menschen besser sein? Ein Kommentar zu technischen Hilfsmitteln im Fußball.
Jakob Rosenberg | 12.07.2012

Die FIFA feiert ihre Revolution. Anfang Juli hat sie technologische Hilfsmittel zur Feststellung von Toren freigegeben. Beim Confed-Cup 2013 in Brasilien soll die Torlinientechnologie erstmals groß eingesetzt werden, die nationalen Verbände dürfen noch überlegen, ab wann sie welche Technologie einsetzen wollen. Zur Diskussion stehen eine Torlinienkamera und ein Chip im Ball, der beim Überqueren der Torlinie ein Signal an den Schiedsrichter sendet. Nostalgiker wie UEFA-Präsident Michel Platini warnten bereits im Vorfeld der Entscheidung der Regelbehörde IFAB vor einer Unterwerfung des Fußballs unter die Technik.


Doch welche Vorteile bietet die bisher praktizierte Unterwerfung des Fußballs unter einen Menschen? Noch dazu unter einen Menschen, der eben kein unbeteiligter Dritter ist, sondern ein Repräsentant des Systems und der unter massivem Druck steht. Ein Fehlpfiff kann einen Schiedsrichter Job und Ansehen kosten, speziell wenn es mächtige Opfer trifft. Beim italienischen Manipulationsskandal »Calciopoli« wurden die Referees nicht durch Bestechungsgelder korrumpiert, sondern durch den bloßen Hinweis, dass auch eine Schiedsrichterkarriere beendet werden könne. Davor war jahrelang von der »psychologischen Untertänigkeit« der Schiedsrichter gegenüber den Großklubs Juventus, Inter und Milan die Rede. Der Verdacht der organisierten Bevorzugung des Gegners schwingt auch in Österreich mit, wenn Fans nach Fehlentscheidungen die »Fußballmafia ÖFB« anprangern.


Der Einsatz von technischen Hilfsmitteln wird Fehlentscheidungen nicht ausschalten, aber er wird Schiedsrichtern eine bessere Entscheidungsgrundlage liefern. Die Frage ist jedoch, ob die FIFA mit der Torlinientechnologie die richtigen Prioritäten setzt. Denn zumindest Tore erkennen die Schiedsrichter in mehr als 99 Prozent der Fälle richtig. Lohnen sich die teuren Investitionen tatsächlich, wenn sich Fehler bei Abseits, Fouls und Hands viel häufiger spielentscheidend auswirken? Gerade das nicht gegebene Tor der Ukraine gegen England ist dafür ein gutes Beispiel. Denn bei Einsatz der Torlinientechnologie wäre der Ukraine ein Abseitstor zuerkannt worden.


Heuchlerisch ist die Diskussion obendrein, denn tatsächlich werden längst technische Hilfsmittel verwendet. Videowalls zeigen nicht nur dem Publikum, sondern auch den Schiedsrichtern Wiederholungen von entscheidenden Szenen. So soll nur der vierte Offizielle im WM-Finale 2006 den Kopfstoß von Zinedine Zidane gegen Marco Materazzi gesehen haben auf der Leinwand. Im WM-Achtelfinale Argentinien gegen Mexiko blieb das Schiedsrichterteam bei Carlos Tevez Abseitstor bei der Entscheidung, das Tor zu geben, während die Fans sehen konnten, dass es sich dabei um eine Fehlentscheidung handelte. Heute kann jeder Smartphone-Besitzer Liveberichte zum Match lesen oder sogar Livestreams verfolgen. Warum sollte also ausgerechnet das Entscheidungsgremium im gesamten Stadion am schlechtesten informiert sein?


Das absurdeste Argument in der Technikdiskussion ist jedoch die Feststellung, dass der Sport von den Fehlentscheidungen der Schiedsrichter lebt. Würden diese ausgemerzt, gäbe es keinen kontroversen Gesprächsstoff mehr, heißt es. Doch wenn nicht mehr darüber diskutiert werden muss, ob ein Tor ein Tor war, bleibt mehr Zeit, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren: den Fußball. Vielleicht wird dann eines Tages nicht mehr über das Wembley-Tor gestritten, sondern darüber, wie Alan Ball eine großartige Flanke in den Strafraum brachte und Geoff Hurst völlig unbedrängt von der deutschen Verteidigung zum Schuss kommen konnte.

Referenzen:

Heft: 73
Rubrik: Kommentare
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