Mehr als ein Spiel

cache/images/article_1985_dsc_0007_140.jpg Wer öfters fernsieht, weiß schon längst, wie wirklichkeitsnah Videospiele sein können. Da wirbeln kapuzenbehangene Meuchler durchs Mittelalter, bekämpfen sich Truppen in Häuserschluchten, springen bärtige Italiener durch halluzinogene Welten, und Sportwagen brettern in HD über den Bildschirm spektakulär, fast wie im Kino.
Mario Sonnberger | 11.12.2012

Für Spieler bedeutet das gute Unterhaltung, für Kritiker Gewaltverherrlichung, Realitätsverlust, Vereinsamung, Verleitung zum Schnellfahren und Schwammerlessen, Unter diesen Umständen könnte man meinen, das gute alte Brettspiel wäre der letzte Zufluchtsort für Konsolenmüde und Konservative. Weit gefehlt! Knapp ein Jahr, nachdem der ballesterer das italienische Spiel »Play Ultras« rezensiert hatte, kam es auch der Kronen Zeitung zu Ohren: »Hooligan-Gewalt als Brettspiel! Play Ultras verhöhnt Sicherheitsmaßnahmen.« Und wie illustriert man das Drama? Richtig, mit der üblichen Auflistung der Vorfälle rund um die letzten Wiener Derbys und einer Schlägerei anlässlich eines Handballspiels. Kurz: mit »Szenen, die der Sport nicht braucht.«

 

Schon witzig, wie man ein nicht unbedingt bierernstes, Stereotype parodierendes Brettspiel interpretieren kann. Und weil Law & Order immer zieht, sieht man daneben die Innenministerin, wie sie warnt: »So eine Gewaltverherrlichung ist mit Vorsicht zu genießen.« Denn schon mehrmals konnte man sehen, »wie schnell aus Spiel Ernst werden kann«.

Minister am Zug
Immerhin erklärte die Krone auch, was »Play Ultras« ist: eine »Mischung aus Monopoly und Risiko«. Zu diesem Thema wäre allerdings ein Anruf bei der Finanzministerin angebracht. Erstens zwecks Law & Order und zweitens, weil Monopoly echt kein Schmäh ist. In Zeiten der Krise sieht man ja, wie schnell aus Immobilienspekulationen und unbegrenztem Geldfluss Ernst werden kann. Und einmal Aussetzen ist für Finanzverbrecher sowieso ein Hohn. Und kennt der Verteidigungsminister die Gefahren von Risiko? Zermürbende Feldzüge, eine geteilte Welt Szenen, die die Politik nicht braucht. Und bitte: Mensch ärgere dich nicht! Ein gnadenloser Konkurrenzkampf, verlieren ohne mit der Wimper zu zucken, Sozialdarwinismus, liebe Krone.


Dann lieber zurück zum Start und Videospiele zocken. Auf die Gefahr hin, sich darin zu verlieren wie kürzlich die Frankfurter Allgemeine Zeitung schön vorexerzierte. Nach dem mittlerweile weltberühmten Fallrückzieher von Zlatan Ibrahimovic eilte man zur fälligen Relativierung. So super wars gar nicht, Rade Prica hat das doch auch geschafft. Blöd halt, dass Pricas Tor in einem Videospiel gefallen war, was in der eiligen youtube-Recherche übersehen wurde. Aber zur Ehrenrettung der Frankfurter: Philippe Mexes hat so einen Fallrückzieher wenig später auch geschafft und in »Fifa 97« war diese Art von Schuss eh ein Allerweltstor.

Referenzen:

Heft: 78
Rubrik: Kommentare
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