Mein Geografielehrer

cache/images/article_2198_13termann_140.png Alles, was er über Moral wisse, heißt es einmal bei Albert Camus, verdanke er dem Fußball. Das ist ein schöner Satz, gut zu zitieren und äußerst fragwürdig.
Clemens Berger | 18.11.2013

Ich verdanke alles, was ich über Geografie weiß, dem Fußball. Er war mein Geografielehrer, führte mich zu Stadt, Land und Fluss. Auf einmal wusste ich, wo Stinatz lag und wo Siget in der Wart, sah ich aus Kleinbusfenstern die Wahrzeichen von Piringsdorf und Markt Neuhodis. Allerdings sah ich mich auch mit entfernteren Fragen konfrontiert: Wo war Lüttich? Was hatte es mit Brügge auf sich? Warum gab es in Zürich Grashüpfer? Noch heute denke ich bei jeder kleineren deutschen Stadt - und bei jeder größeren natürlich auch - zuerst an die Namen ihrer Mannschaften, selbst wenn sie längst in der Versenkung verschwunden sein sollten.


Wie schön klang Dnepr Dnepropetrowsk! Ich beugte mich über den Atlas und suchte Kamerun und die Elfenbeinküste, zur Weltmeisterschaft in Mexiko sammelte ich Panini-Bilder und interessierte mich vor allem für jene Länder, denen bloß eine Seite eingeräumt wurde und deren Spieler sich jeweils zu zweit einen Sticker teilen mussten. Irak. Süd-korea. Algerien. Marokko. In diesem Unterricht bildete sich über die Jahre ein innerer Globus aus - Städte, deren Wahrzeichen Fußballklubs waren, Länder, die ich auf der Weltkarte festmachen konnte, weil ich ihre jungen Männer kicken gesehen hatte.


Ohne die holländische Nationalmannschaft, ohne Ruud Gullit und Frank Rijkaard wüsste ich vielleicht bis heute nicht, wo Surinam liegt und dass Paramaribo seine Hauptstadt ist. Alles, was ich über Geografie weiß, verdanke ich dem Fußball.

Referenzen:

Heft: 87
Rubrik: Kommentare, Serien
ballesterer # 120

Der nächste Ballesterer

Der nächste ballesterer fm erscheint am 13.04.2017.

Abo bestellen

Leserbrief

an den ballesterer_web_small.png