Rollenspiel im Irish Pub

cache/images/article_1378_kump_140.jpg Plagt mich der Durst, gehe ich gern zu Kieran, dem lokalen Guinness-Wirten. Läuft dort Fußball, muss ich mich oft wundern. Auswechslungen beklatschen, okay aber beim Fernsehen? Um Authentizität ringender Dialektgesang? Bei Fremdsprachen nicht selten mit höchst tragischen Untertönen verbunden.
Andreas Kump | 30.03.2010
Trinkend lässt sich daher konstatieren: Ja, die überbordende Television hat zu seltsamen Erscheinungen geführt: »Arsenal London, the Pride of Ried in der Riedmark«. Oder aus welchem Fuchsbau auch immer gekrochen kommen muss, wer an englischen Premier-League-Nachmittagen mit schiefem Mundwinkel allen Ernstes »Come on, Ref« durch österreichische Wirtsstuben grölt.


Nun ist es zweifellos eine der schönsten Seiten des Fußballs, dass er auch Fernweh stillt. Nackte Tabellen, Spieldaten, Zuschauerzahlen aus nie besuchten Weltgegenden beinhalten mitunter bessere Fotoreportagen als eine GEO-Ausgabe. In dem Zusammenhang soll es auch Leute wie mich geben, die sich die Gazzetta dello Sport kaufen, obwohl sie nur zehn Wörter Italienisch beherrschen. Unter dem Gesichtspunkt des Eskapismus bringe ich also durchaus noch Verständnis für zum Beispiel Arsenal-Interessierte aus oberösterreichischen Agrargegenden auf.


Anstrengend werden Landflucht und Fernidentifikation allerdings, wenn auch noch eine »Lokalrivalität« mit Tottenham verspürt und geäußert wird. Das sind dann die Momente, wo sie einem gar lästig werden, die leidenschaftlichen Fernsehfans von Vereinen in fernen Ländern. Angetrunken lässt sich sinnieren: Wenn schon Rollenspiele, warum nicht gleich Fantasy? Warum mit einer kleinen Kanone am Trikot bei Kieran herumsitzen und nicht als Zwerg bei Alberndorf durch die Wälder huschen, um gegen Orks zu kämpfen? Weniger authentisch wäre das auch nicht. Aber irgendwie sympathischer.


Referenzen:

Heft: 51
Rubrik: Kommentare
ballesterer # 121

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