Spiel auf Zeit

cache/images/article_2451_jakob2_140_140.jpg Nach dem Calciopoli-Urteil darf weiterspekuliert werden, ob Moggi über Jahre hinweg der Strippenzieher im italienischen Fußball war oder das Opfer einer Medienkampagne der erfolglosen Konkurrenten.
Jakob Rosenberg | 13.04.2015

Das Attentat auf eine Mailänder Bank 1969, die Entführung und Ermordung des christdemokratischen Politikers Aldo Moro 1978, der Flugzeugabsturz über Ustica 1980 – die italienische Nachkriegsgeschichte ist voll von bis heute nicht restlos geklärten Fällen. Zahlreiche Mythen ranken sich um die Hintergründe, Interventionen von höchsten politischen Stellen werden vermutet, und jeder, der sich kurz damit beschäftigt, hat eine Theorie über die wahren Begebenheiten. Einen ähnlichen Status bekommt gerade der Manipulationsskandal Calciopoli.

Ein Rückblick: Im Mai 2006 kamen Ermittlungen der Staatsanwaltschaft ans Tageslicht, wonach mehrere Serie-A-Vereine Schiedsrichter zu ihren Gunsten beeinflusst haben sollen. Eine tragende Rolle soll dabei Luciano Moggi eingenommen haben. Der bestens vernetzte Sportdirektor von Juventus soll die Macht gehabt haben, über Schiedsrichterkarrieren zu entscheiden, sodass nicht einmal Bestechungsgelder für die Manipulationen nötig gewesen sein sollen. Nach Auffliegen des Skandals handelte das Sportgericht schnell: Juventus wurden die Meistertitel 2005 und 2006 aberkannt, der Klub musste absteigen, und Moggi bekam lebenslanges Berufsverbot.

 

Danach wanderte der Fall vor ein Strafgericht. Moggi wurde in erster Instanz zu fünf Jahren und vier Monaten Haft verurteilt. Ins Gefängnis ging er aber nie. In den nächsten Instanzen wurde die Haftstrafe reduziert und im März schließlich aufgehoben – die Delikte sind mittlerweile verjährt. Moggi profitiert hier von einer Eigenart des italienischen Rechtssystems. Verjährungsfristen laufen auch nach Anbruch eines Verfahrens weiter; wird dieses in die Länge gezogen, stehen am Ende gute Aussichten auf Straffreiheit.


Das Urteil des Berufungsgerichts hat weitreichende Konsequenzen, denn Calciopoli wird nun nie restlos aufgeklärt werden. Die unterschiedlichen Urteile der Sportrichter und des ordentlichen Gerichts sind die perfekte Grundlage für Verschwörungstheorien. Es darf munter weiterspekuliert werden, ob Moggi tatsächlich über Jahre hinweg der Strippenzieher im italienischen Fußball war oder das Opfer einer Medienkampagne der erfolglosen Konkurrenten. Juventus und speziell Inter, das den Meistertitel 2006 geerbt hat, aber dank Verjährung nie wegen einer möglichen Beteiligung an Calciopoli juristisch belangt wurde, spielen dieses Spielchen seit Jahren.

Zwar distanzierten sich die Turiner nach Auffliegen des Skandals von den involvierten Funktionären, die Urteile des Sportgerichts haben sie aber nie anerkannt. Bei jeder Gelegenheit verweisen sie auf die zwei aberkannten Titel, die ihnen sportlich zustünden. Nach dem jüngsten Urteil spekuliert der Klub sogar damit, den Verband aufgrund des Zwangsabstiegs 2006 auf 444 Millionen Euro Schadensersatz zu klagen. Vermutlich handelt es sich dabei nur um eine Drohgebärde, um einem eingeschüchterten Verband bei anderer Gelegenheit Zugeständnisse abzuringen. Macht kann wichtiger sein als Geld.

Referenzen:

Heft: 101
Rubrik: Anstoß
ballesterer # 121

Der nächste Ballesterer

Der nächste ballesterer fm erscheint am 18.05.2017.

Abo bestellen

Leserbrief

an den ballesterer_web_small.png