Spieler, keine Fans

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Es geht um magische Verbindungen zwischen Spielern, Fans, Trainern und allen, die dazugehören. Und nicht um Verträge, deren Laufzeiten nur auf dem Papier stehen, Ausstiegsklauseln und Transfererlöse.

Nicole Selmer | 14.08.2016

Nach den ersten zwei Jahren im neuen Job feststellen, dass ich doch nicht die Möglichkeiten habe, die ich mir gewünscht hätte? Eine andere Firma bietet ein besseres Gehalt und spannende Dienstreisen ins Ausland? Der oder die Liebste möchte schon lange in eine andere Stadt ziehen, und plötzlich bietet sich dort eine Stelle? – Klar, mach das, sagen unsere Freunde auf Facebook in diesen Fällen. Klingt doch super. Wahrscheinlich haben die Freunde von Julian Draxler und Mario Götze Ähnliches gesagt, allerdings teilen Fußballstars ihre beruflichen Pläne nicht nur mit dem privaten Umfeld, sondern irgendwann mit der halben Welt. Und die reagiert anders.

Mario Götzes Wechsel von Borussia Dortmund zum FC Bayern wurde vor drei Jahren kurz vor dem Finale der Champions League zwischen den beiden Klubs bekannt. Götze, langjähriger BVB-Jugendspieler, galt in der Dortmunder Fanszene als Verräter. Nun kehrt er zur neuen Saison zurück. Zu genau der Zeit, als Götze zu den Bayern wechselte, ließ der FC Schalke LKW-Anhänger mit Plakaten durchs Ruhrgebiet fahren. Abgebildet waren Julian Draxler, der gerade seinen Vertrag verlängert hatte, und der Spruch „Mit Stolz und Leidenschaft bis 2018“. Zwei Jahre später wechselte Draxler zum VfL Wolfsburg und unterschrieb dort einen Vertrag bis 2020, vor wenigen Wochen erklärte er sich empört, dass der Verein ihn nicht sofort gehen lassen wolle, obwohl das doch vereinbart sei.

Wenn Spieler ihre Klubs verlassen und zu einem Rivalen wechseln, wenn sie gehen, obwohl sie Treue geschworen, das Wappen geküsst und einen Transfer kurz zuvor noch ausgeschlossen haben, dann trifft sie die Enttäuschung, der Spott und der Zorn der Fans. Da hilft es wenig, wenn sich der Wechsel im Nachhinein als gar nicht so gute Idee herausstellt. All diese Emotionen beruhen auf einem Missverständnis. Denn Spieler mögen ihren Arbeitsplatz schätzen, sich mit den Kollegen ver stehen, die Klubphilosophie teilen, aber sie lieben den Verein nicht, wie es die Fans tun. Sie sind Angestellte, keine Anhänger.

Doch in ihrem Marketing zielen die Vereine darauf ab, genau das vergessen zu machen. Sie spielen auf der Klaviatur der großen Gefühle, es geht um nichts Geringeres als echte Liebe, um Stolz und Leidenschaft und um mehr als einen Klub. Es geht um magische Verbindungen zwischen Spielern, Fans, Trainern und allen, die dazugehören. Und nicht um Verträge, deren Laufzeiten nur auf dem Papier stehen, Ausstiegsklauseln und Transfererlöse. Das ist einer der Widersprüche, die das Fußballgeschäft am Laufen halten. Und Fälle wie Mario Götze und Julian Draxler führen uns diese Heuchelei vor Augen.

Vielleicht ist der wahre Gegenentwurf zu Spielern, die Treue schwören und ihr Versprechen nicht halten, auch gar nicht Francesco Totti, der immer beim selben Verein geblieben ist. Sondern ein Fußballer, der spätestens alle drei, vier Jahre wechselt, immer großartig spielt und niemals öffentlich den Eindruck erwecken würde, ein Klub könne größer sein als er selbst. Als Zlatan Ibrahimovic in diesem Sommer wechselte, war in seiner neuen Heimatstadt ein Werbeplakat zu sehen: „Manchester, welcome to Zlatan.“

Referenzen:

Heft: 114
Rubrik: Anstoß
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