Totale Sicherheit

cache/images/article_1360_50anstoss__140.jpg Die ersten Runden nach der Verschärfung des Pyrotechnik-Verbotes haben eines gezeigt: Die Fans haben ihr »asoziales und gestörtes Verhalten« nicht eingestellt.
Clemens Schotola | 05.03.2010
Letztlich geht es immer um die Abwägung zwischen Freiheit und Sicherheit«, meinte der deutsche Finanzminister Wolfgang Schäuble in einem Interview mit der taz. Stehen also persönliche Handlungsfreiheit und ein Zustand der Gefahrenfreiheit immer im Widerspruch zueinander? Klar ist: Wer sich nicht der Sicherheitsdoktrin anschließt, hat es schwer, gehört zu werden. Denn wer wagt es, sich öffentlich gegen Sicherheitsbedürfnisse zu stellen? Oder vielmehr gegen Sicherheitsgefühle, den neuesten Kampfbegriff aus der politischen Waffenkammer. Ein aktuelles Beispiele gefällig?


»Für mich ist das Sicherheitsgefühl der Bürgerinnen und Bürger sehr wichtig«, sagt Innenministerin Maria Fekter. Deswegen plant die Ministerin, Asylwerber mit einer »Anwesenheitspflicht« zu belegen. Wer sich nicht daran hält, soll mit einer von Asylwerbern wohl uneinbringlichen Geldstrafe von 5.000 Euro oder einer »Ersatzarreststrafe« belangt werden.


Was im Großen gilt, gilt auch im Kleinen. Das Bundesministerium für Inneres und die österreichische Bundesliga haben ebenfalls einen Unsicherheitsfaktor gefunden, dem es den Garaus zu machen gilt: Der Einsatz und Besitz von Pyrotechnik wird seit 4. Jänner bei Sportveranstaltungen strenger bestraft. Mit dem Ziel, das »Sicherheitsrisiko« gegen »Leben, Gesundheit und Eigentum« in den Griff zu bekommen. Pyrotechnik wird somit nicht als »Stilmittel« so nennt es der deutschen Fanforscher Gunter A. Pilz , sondern als reines Sicherheitsrisiko aufgefasst. Konkrete Zahlen über tatsächlich Verletzte waren trotz einer parlamentarischen Anfrage an Frau Fekter nicht eruierbar, diese brachte aber ein nicht uninteressantes Detail zutage. Wurden früher im langjährigen Durchschnitt ungefähr neun Prozent der Verstöße gegen das Pyrotechnikgesetz zusätzlich mit einer Anzeige wegen Körperverletzung geahndet, schnellte dieser Wert in der ersten Hälfte der Saison 2009/2010 auf über 20 Prozent in die Höhe.


Doch halt: Wurden nicht Ende Februar acht Fans des 1. FC Nürnberg beim Abbrennen von Magnesiumpulver zum Teil schwer verletzt? Ein Argument gegen Pyrotechnik im Fußballstadion? Oder eher ein Argument gegen das Komplettverbot? Denn im Gegensatz zu leicht erkennbaren, aber sicheren Rauchtöpfen lässt sich das Magnesiumpulver auf kleine Päckchen aufgeteilt problemlos an den Ordnern vorbei ins Stadion schmuggeln.


Die ersten Frühjahrsrunden haben jedenfalls eines gezeigt: Die Fans haben ihr »asoziales und gestörtes Verhalten« (Bundesliga-Vorstand Georg Pangl) nicht eingestellt. Im Gegenteil: Es wurde häufiger, aber auch kontrollierter gezündelt. Zudem hat sich eine Initiative (siehe Webtipp) aus der österreichischen Fanszene formiert. Ihr Anliegen ist es, Pyrotechnik in einem anderen Licht darzustellen als Ausdruck der Freude und Begeisterung.


Zumindest ein kleines Schlupfloch haben sich Gesetzgeber und Liga offen gelassen. Denn trotz der Verschärfung sind Ausnahmeregelungen möglich. Und der scharfe Anti-Pyro-Kurs von Pangl ist auch innerhalb der Liga nicht unumstritten. Gelingt es vielleicht doch noch, Sicherheitsfragen und die gewünschten Ausdrucksformen der Fans unter einen Hut zu bekommen?

Webtipp:
www.pyrotechnik-ist-kein-verbrechen.at


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