Weg mit dem Rauchverbot

cache/images/article_1387_52anstoss_140.jpg Die Anzeigen wegen des verschärften Pyrotechnikgesetzes betreffen zum Großteil ein jugendliches Publikum, das dafür verfolgt wird, die Stimmung auf den Rängen mit Bengalen zu befeuern. Pervers.
Stefan Kraft | 28.04.2010
Rapid 178, LASK 117, Austria Wien 49, Red Bull 37, Ried 15, Wiener Neustadt 14, Mattersburg 12, Sturm Graz 7, SK Austria Kärnten 3, Kapfenberg 2. So sah zu Redaktionsschluss die aktuelle Bundesliga-Tabelle aus. Und zwar jene nach Anzeigen, insgesamt 434, wegen Verstoßes gegen das (novellierte) Pyrotechnikgesetz im Jahr 2010.

Diese Zahlen, die der ballesterer vom Zentrum für Sportangelegenheiten (ZSA) im Innenministerium erhielt, bedürfen einer Erläuterung. Für die Statistik werden nämlich bei jedem Spiel beiden Vereinen oder, besser: den Fans beider Vereine die jeweiligen Verstöße (z. B. der Besitz oder das Abbrennen von Fackeln) angerechnet. Und: Im Falle Rapids wird sofort Anzeige erstattet, im Fall der Sturm-Fans schlagen Anzeigen erst zu Buche, wenn der Verdächtige ausgeforscht ist. Die Zentren des pyrotechnischen Widerstands liegen aber, entgegen den nackten Zahlen, ebenso in Wien wie in Graz und in Linz.

Das Wesentliche an der Statistik sollte aber trotzdem nicht verloren gehen: Es hagelt Anzeigen quer durch alle Bundesländer. Obwohl es sich nur um eine Verwaltungsübertretung handelt, ist der Strafrahmen nicht zu unterschätzen: eine Geldstrafe bis zu 4.360 Euro oder Freiheitsstrafe bis zu vier Wochen. Die Anzeigen betreffen zum Großteil ein jugendliches Publikum, das dafür verfolgt wird, die Stimmung auf den Rängen mit Bengalen zu befeuern. Pervers.

Gegen die Kriminalisierung einer Generation von Fußballfans haben sich zahlreiche Bundesliga-Profis ausgesprochen, quer durch alle Vereine. Unfreiwillig unterstützte auch der deutsche Nationalspieler Lukas Podolski die Protestbewegung, als er nach einem Spiel seines 1. FC Köln mit einer Fahne der Kampagne »Pyrotechnik ist kein Verbrechen« auf dem Rasen tanzte. Nachher gab er zu, die Aufschrift nicht gelesen zu haben. Unwissenheit und Ignoranz prägen auch die öffentliche Debatte und allen voran die Statements der ­TV-Reporter.

Aber jedes Schlechte hat auch sein Gutes. Wie zum Beispiel die Amtszeit der derzeitigen Innenministerin. Denn ihre Maßnahmen haben dazu geführt, dass der dümmliche Spruch, Politik habe nichts im Stadion verloren, in der Praxis eindrucksvoll widerlegt wurde. Die Kampagne »Pyrotechnik ist kein Verbrechen«, die mittlerweile von einer beachtlichen Anzahl an Fanklubs unterschiedlichster Couleur getragen wird, besitzt alle Merkmale einer politischen Bewegung. Sie richtet sich nicht nur direkt gegen die verantwortlichen Politiker und ihre unheilvollen Taten, sie strebt auch danach, ein im Parlament beschlossenes Gesetz zu verändern.

Damit ist schon viel erreicht, selbst wenn es noch lange dauern sollte, bis Pyrotechnik in den Stadien tatsächlich entkriminalisiert wird. Einige Fans haben bereits angekündigt, gegen die erwarteten Strafen Einspruch einzulegen. Der komplizierte Instanzenweg könnte theoretisch sogar bis zum Gang vor den Verfassungsgerichtshof führen, der sich dann als oberstes Gremium mit dem Gesetzestext neuerlich auseinandersetzen müsste. Viel Glück bis dahin.

Referenzen:

Heft: 52
ballesterer # 121

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