Die Flucht des guten Gewissens

cache/images/article_1969_pechino_140.jpg In Italien sorgt man sich seit Jahren um die Flucht der Köpfe, also der Studenten und jungen Wissenschaftler, die sich im Ausland einen Job suchen, den sie in Italien nie finden würden. Immer öfter wird auch die Flucht der Beine beklagt, also der Fußballer, die die Liga verlassen. Jetzt ist es an der Zeit, darüber zu reden, dass auch das Gewissen zur Emigration gezwungen wird.
Matteo Patrono | 12.11.2012
Zum Beispiel das von Simone Farina, dem Serie-B-Spieler, der sich 2011 weigerte, ein Spiel um 200.000 Euro zu verkaufen und Anzeige erstattete. Das war noch bevor der aktuelle Wett­skandal bekannt wurde, der uns wieder einmal zeigt, wie tief der italienische Fußball gesunken ist. Am Anfang gab es für Farina nur Lobreden: eine Medaille von Interpol, die Ernennung zum FIFA-Botschafter durch Joseph Blatter, Lob von Lionel Messi und ein Training mit der Nationalmannschaft unter Cesare Prandelli.

Doch als sein Vertrag bei der AS Gubbio im Juni auslief, stand er ohne Job da. Kein Verein wollte ihn haben. Als Aston Villa anfragte, ob er den dortigen Nachwuchskickern die Werte des Sports vermitteln würde, packte Farina seine Koffer.

Sicher, der 30-Jährige ist kein Ausnahmetalent, aber in den unteren Ligen hätte er noch einige Jahre spielen können. Die Dinge, die er jetzt englischen Jugendlichen beibringt, hätte er auch hier unterrichten können. Es wäre das richtige Signal für den italienischen Fußball und die gesamte Gesellschaft gewesen.

So signalisiert man jedoch, dass es für rechtschaffene Leute wie ihn keinen Platz gibt. Farina ist in Italien eine Persona non grata. Soll er sich doch in England als Lehrer aufspielen, heißt es. »Wenn wir so weitermachen«, hat Regisseur Nanni Moretti in einem seiner Filme gesagt, »werden wir uns bald sehr wehtun.«

Matteo Patrono ist Sportchef der Tageszeitung »Il Pubblico«.

Referenzen:

Heft: 77
Rubrik: Serien
ballesterer # 112

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