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Ein Kampf der Kulturen kündigte sich an: Auf der einen Seite der international erfahrene Inter-Trainer, auf der anderen der provinzielle Napoli-Coach.

Jakob Rosenberg | 03.02.2016

Schwuchtel!“ So soll Napoli-Trainer Maurizio Sarri sein Gegenüber Roberto Mancini beschimpft haben. Seine Mannschaft stand gerade kurz davor, im Cup-Viertelfinale auszuscheiden, als es an der Outlinie zu dem heftigen Wortduell kam. Nach dem Spiel beschwerte sich der Inter-Trainer und bezeichnete Sarri als Rassisten. Der reagierte zunächst auf die schlechtestmögliche Art und forderte, dass Dinge, die auf dem Platz gesagt werden, auch auf dem Platz bleiben sollten. Im Übrigen könne er sich nicht erinnern, was er im Eifer des Gefechts gesagt habe, er habe einfach die erste Beschimpfung verwendet, die ihm in den Sinn gekommen sei, und hätte den für seine Religiosität bekannten Trainer genauso gut einen „Christdemokraten“ nennen können.

Ein Kampf der Kulturen kündigte sich an: Auf der einen Seite der international erfahrene Mancini, der für Diskriminierungen sensibilisiert ist, auf der anderen der provinzielle Sarri, der die ungeschriebenen Gesetze des Fußballs beschwört. In den Zeitungen und Fernsehsendungen des Landes äußerten zahlreiche Kommentatoren und Prominente ihre Meinung – vom ehemaligen Fußballer bis hin zu Ex-Regierungschef Silvio Berlusconi. Nur in den wenigsten Fällen ging es dabei um das eigentliche Problem, nämlich die Diskriminierung von Homosexuellen. Stattdessen wurde Mancini als Moralist kritisiert, der vor Jahren selbst einen Journalisten homophob beschimpft und rassistische Äußerungen auf dem Feld kleingeredet habe. Und es wurden Verschwörungstheorien laut, wonach die Mächte des Nordens das Team aus dem Süden mit allen Mitteln stoppen wollen.

Das mediale Theater wurde schließlich vom Verband getoppt. Sarri, dem bis zu vier Monate Sperre wegen Diskriminierung drohten, wurde für zwei Partien gesperrt – im unbedeutenden Cup. Unabhängig von der Frage nach der richtigen Bestrafung des Vergehens, ist die Begründung an Absurdität nicht zu überbieten: Bei dem Vorfall habe es sich um eine Beschimpfung gehandelt, nicht um Diskriminierung, schließlich sei allgemein bekannt, dass Mancini heterosexuell sei.

Den Protagonisten des eigentlichen Vorfalls gelang es jedoch, wieder zum Thema zurückzufinden: Sarri entschuldigte sich und befürwortete ebenso wie Mancini öffentlich die in Italien gerade heftig diskutierten Gesetzesinitiativen zur Gleichstellung von Homosexuellen – von eingetragenen Partnerschaften bis zum Adoptionsrecht. Auch die Vereine unterstrichen in Statements, dass es über Gleichstellungsfragen keiner Diskussion bedürfe. Inter betonte, dass der Klub für alle – selbstverständlich auch homosexuelle – Spieler offen sei. Napoli organisierte unter dem Motto der Gleichberechtigung ein Freundschaftsspiel gegen einen Unterhausverein. Solch progressive Standpunkte sind im italienischen Fußball schon lange nicht mehr zu hören gewesen. Auch wenn es womöglich vor allem darum ging, sich für künftige Auftritte in der Champions League ein international akzeptables Image zu geben, setzten die Klubs damit wichtige Schritte.

Ein gerichtliches Nachspiel hat der Fall für Sarri dennoch. Eine christdemokratische Kleinpartei klagte den Trainer wegen Ehrenbeleidigung.

Referenzen:

Heft: 109
Rubrik: Anstoß
Thema: Italien
ballesterer # 120

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