Der Plan B

Österreichs Team ist bei der EM auch daran gescheitert, dass der Plan A gegen Ungarn ebenso wenig aufging wie Plan B gegen Island.

Emanuel Van den Nest | 20.07.2016

Kurz ließ Alessandro Schöpf mit seinem Ausgleichstor gegen Island die Hoffnung auf einen Aufstieg ins Achtelfinale wieder aufkeimen. Dass Österreich in der Vorrunde letztlich scheiterte, lag vor allem daran, dass der Plan, den Marcel Koller in der Qualifikation forciert hatte, bei der EM gegen reaktive Gegner wie Ungarn und Island nicht funktionierte.

 

Plan A

Mit einem kompakten 4-2-3-1, Stabilität und schnellen Angriffen hatte das österreichische Team in der EM-Qualifikation stärkere Gegner wie Russland und Schweden hinter sich gelassen. Gegen schwächere Mannschaften erwiesen sich vor allem die schnellen Ballrückeroberungen in der Nähe des gegnerischen Strafraums als effektiv. Dank des Gruppensiegs in der Qualifikation sah sich das österreichische Team bei der Endrunde gegen Ungarn und Island mit der Favoritenrolle konfrontiert.

 

Ungarn verzichtete im Spiel weitgehend auf Ball-besitz, um mit Kontern anzugreifen. Besonders nach dem Rückstand erwies sich Österreichs geradliniges Spiel in die Tiefe als ungeeignet, weil das Team den dafür notwendigen Raum nicht fand. Koller hätte vermutlich eher darauf setzen sollen, Ungarns kompakte Abwehr durch das geduldige Spiel in die Breite und schnelle Spielverlagerungen auseinanderzuziehen.

 

Plan B

Genau diesen Plan verfolgte der ehemalige Rapid-Trainer Zoran Barisic in den vergangenen beiden Jahren, um tief stehende Gegner in der Bundesliga zu knacken. Rapid entwickelte eine spielerische Dominanz, die Konstanz vermissen ließ. Das lag jedoch nicht daran, dass Barisic, wie ihm oft vorgeworfen wurde, keinen Plan B parat hatte, denn das Kurzpassspiel wurde mit direkten Angriffen oder hohen Flanken ergänzt. Die Konstanz seiner Mannschaft litt vielmehr unter dem geringen Einsatz eines Gegenpressings, wie es das österreichische Team in der Anfangsphase gegen Ungarn erfolgreich praktiziert hatte.

 

Gegen Island setzte Österreich abermals auf dieses Mittel. Koller berücksichtigte gegen den zweikampfstarken Gegner die fehlende Stabilität in den vorangegangenen Partien und stellte sein System auf ein 3–4–3 um. Die Zentrale war nun mit drei Innenverteidigern und zwei robusten Sechsern zweikampfstark und bot Rückendeckung für das hohe Pressing. Dies ging allerdings auf Kosten der spielerischen Note. Nach der Umstellung auf den ursprünglichen Plan kam Österreich erst in der zweiten Hälfte richtig ins Spiel, zu spät.

 

Spielertypen

Die Bedeutung eines Plan B wird häufig überschätzt. Für Nationalteams ist aufgrund der seltenen Trainingseinheiten bereits die Etablierung einer einzigen Spielweise schwierig. Ein verlässlicher Plan A bringt oft mehr Erfolg als ein kaum einstudierter Plan B. Variabilität kann auch durch den Einsatz unterschiedlicher Spielertypen erreicht werden. Spielstarke Flügelstürmer wie Florian Kainz und Karim Onisiwo hätten Österreich, wie die Einwechslung von Schöpf zeigt, entscheidende Impulse liefern können, ohne einen mühsamen Plan B kreieren zu müssen.

Referenzen:

Heft: 113
Rubrik: Taktik Total
Verein: ÖFB
ballesterer # 120

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