Dr. Pennwiesers Notfallambulanz

Schienbeinschützer stören beim Kicken keine Frage. Die Notfallambulanz kann dem Spruch »Freie Wadeln für freie Kicker« dennoch nichts abgewinnen. Ein Beitrag zum Schutz der Unterschenkel.
Wolfgang Pennwieser | 06.11.2008
Der Unterschenkel bricht trotz Scheinbeinschützer. Das belegen Untersuchungen an verunglückten Fußballern. Zwischen 85 und 90 Prozent der Spieler trugen bei ihren Unfällen zwar so genannte Deckeln, Frakturen von Schien- und Wadenbein ließen sich dadurch jedoch nicht vermeiden. Schienbeinschützer sind deswegen aber nicht sinnlos. Und die FIFA-Regel, die Spieler aller Klassen zum Tragen der Unterschenkelprotektoren verpflichtet, ist natürlich gescheit.

Mit heruntergelassenen Stutzen
Freilich stören die Deckel so manchen Kicker bei der Entfaltung seines Spiels, denn gelernt hat man das Ballestern schließlich ohne Stutzen und Schoner. Sollten die Spieler nicht eigenverantwortlich entscheiden dürfen, ob sie das Risiko eingehen? Und wie einst Briegel Hans-Peter, Platini Michel, Best George und Panenka Antonin mit nackerten Wadeln übers Feld laufen können?

Nicht unbedingt, denn: Ein amerikanisches Sportwissenschaftsmagazin hat 23 unterschiedliche Schienbeinprotektoren miteinander verglichen. Unter standardisierten Bedingungen wurde eine Blutgrätsche simuliert. Die Wissenschaftler spannten die Schoner dabei vor ein synthetisches Testbein und ließen einen simulierten Pogatetz Emanuel gegen das Bein treten. Es zeigte sich ein eindeutiges Ergebnis: Alle getesteten Schienbeinschützer bewahrten den synthetischen Unterschenkel vor einer größeren Havarie. Je nach Material schützten sie das Modellbein mehr oder weniger wirkungsvoll. Jeder noch so schlechte Schienbeindeckel war jedoch besser als gar keiner.

Im Match regiert das Einihauen
Die Zuverlässigkeit von Schienbeinschützern steht also nicht zur Diskussion. Warum brechen aber auch geschützte Fußballerbeine? Ein Erklärungsversuch: Der Unterschenkelbruch ist eine Verletzung, die fast nur durch Fremdeinwirkung während des Spiels passiert. In einer Bewerbspartie nimmt der Fußballer im Gegensatz zum Training mehr Risiko und weniger Rücksicht auf die eigene Gesundheit sowie die des Mitspielers.

Sieht man von Raufereien wie jener zwischen den schwedischen Lausbuben Mellberg Olof und Ljungberg Fredrik vor der WM 2002 ab, geht es im Training eher beschaulicher zu die Spieler passen auf sich auf. Untersuchungen bescheinigen dem Wettkampf eine zwei- bis viermal häufigere Verletzungsgefahr gegenüber dem Training. Publikum, Mitspieler und Betreuer erwarten einen Einsatz, der nicht selten über die Grenzen des Erlaubten hinausgeht. Starek Gustl forderte einst als Trainer seine Spieler mit berühmten Worten zur Brutalität auf: »Wanns scho net spün kennts, dann hauts wenigstens eini.«

Starek, der im ballesterer einmal von sich selbst behauptet hat: »Niemand war verrückter als ich«, war ein begnadeter Fußballer und wird im Training gewiss versucht haben, seine Spielkünste an die Buben weiterzugeben. Beim Match herrschen dann aber andere Gesetze, und genau hier liegt die Gefahr. Umso wichtiger ist es, dass die Spieler durch den Schiedsrichter und durch Schienbeinschoner geschützt werden. Auch wenn die Deckeln nicht unbedingt vor splitternden Knochen bewahren, beugen sie Abschürfungen, Blutergüssen und Prellungen vor. Und auch die können ganz schön wehtun.

Referenzen:

Heft: 37
Rubrik: Thema
ballesterer # 82

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Der nächste ballesterer fm erscheint am 12. Juli 2013.

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