Armer Ashley

cache/images/article_2017_berger_140.jpg Ashley Cole, erzählte mir ein Freund, sei die Grundfigur für ein beliebtes Fußballvideospiel. An ihm habe man Maß genommen, sein Körper und sein Gesicht seien der Durchschnitt, von dem aus Unterscheidungen getroffen würden. Der eine werde etwas größer, der andere etwas kleiner, die Gesichter heller oder dunkler, breiter oder schmaler dargestellt. 
Clemens Berger | 12.02.2013

Jeder habe sein eigenes Profil, Schnelligkeit, Technik, Ausdauer, Schussstärke, Zweikampfverhalten. Nachdem er von allen Seiten und in unterschiedlichen Bewegungen aufgenommen worden sei, habe sich Ashley Cole beschwert, in dem Spiel zu langsam zu sein, worauf man ihm eine Statistik seiner Durchschnittswerte gezeigt und sich entschuldigt habe: So sei es eben.


Armer Ashley Cole! Man kommt ihm mit der Statistik, trotzdem fühlt er sich besser, die Spielhersteller sind gnadenlose Positivisten. Er kämpft gegen den Fußballer, der aus ihm gemacht wird, mit dem man spielen, über den man sich freuen, den man aber auch auf die Bank setzen oder verkaufen kann. Man will aber nicht auf der Bank sitzen, und man will nicht verkauft werden, weil man dem, der einen steuert, zu langsam erscheint oder nicht präzise genug schießen kann. Welch narzisstische Kränkung! Man tritt einer Figur von sich gegenüber, die einem nicht genügt. Allerdings bestimmt sie mit, was eine Generation von Fans und Videospielern von einem hält.


In einer älteren Version haben die Spieler des österreichischen Nationalteams keine Namen, jeder hat dasselbe Gesicht. Auch das dürfte dem Selbstbewusstsein nicht zuträglich sein. Die neue Angst eines Fußballers gilt wahrscheinlich dem Tag, an dem sein Kind nach Hause kommt und sagt, es habe seinen Vater auf die Bank setzen, verkaufen oder die Mannschaft wechseln müssen. Mit ihm sei nichts zu holen.

Clemens Berger ist Schriftsteller und spielt im Österreichischen Autorenfußballteam. Zuletzt erschien sein Roman »Das Streichelinstitut«.

Referenzen:

Heft: 79
ballesterer # 120

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