Barometer: Becks, Bullen & Bernhard

cache/images/article_1258_44baromete_140.jpg Das ballesterer-Barometer beschreibt den Stimmungsgrad in der Redaktion, ist völlig subjektiv und erhält seinen aktuellen Wert durch merkwürdige Zahlenspiele. Dieses Mal im Fokus: Beckham gegen die tobende kalifornische Crowd, unsportliche Hamburger Polizisten und ein Bernhard-Zitat für Huub Stevens.
Stefan Kraft | 04.08.2009
David Beckham, my dear,

 

Sie sind also wieder beck in the U.S.A.! What a pleasure, ist es nicht? Selbstredend, etwas gejetlagged werden Sie schon noch sein, gerade eben noch nach Mailand abgeflogen zur Saisonabschlussparty mit DJ Silvio, und jetzt spielen Sie alles uber in California. Oder, sind wir sich ehrlich: Sie treten hüben wie drüben denselben Alibipass, ghupft wie ghatscht, und verhelfen dadurch Ihren Söhnen Brooklyn Joseph, Romeo James und dem süßen kleinen Cruz David zu drei warmen Mahlzeiten am Tag. Nur für die Gattin dürfte bei diesen hungrigen Mäulern wenig übrig bleiben, das zeigt der Fernsehbeweis. Among us, Becks, alter Verwalter, vielleicht sollten Sie Ihrem Verschleiß-Girl mehr Aufmerksamkeit schenken, ihr in der Business Class nicht immer das Tablett wegnehmen und keinesfalls, wie vor kurzem geschehen, sie in die Fänge eines Tom Cruise lassen (spielt gerne Nazis, glaubt an UFOs) in der VIP-Loge der LA Galaxy, während Sie am Rasen ihren Mann STEHEN.

By the way, Becks, seien wir uns auch in diesem Punkt ehrlich: Seit wir Sie kennen, FALLEN Sie uns im Prinzip fürchterlich auf den Wecker. Zumindest öfter, als wir jemals auf einen Wecker gefallen sind bzw. ein Wecker auf uns gefallen ist. Außerdem ­GEHEN Sie uns (in dieser Reihenfolge): auf die Nerven, auf den Socken, auf die Eier und am Zeiger. Denken Sie sich aber nichts dabei, Spice Boy: Das hat gar nichts mit Ihrer »sportlichen« Leistung zu tun, der Pain in the ass stellt sich bei uns ja nur dann ein, wenn wir über die anderen 95 Prozent ihres Lifestyles informiert werden.

Jedoch, my dear, sogar Sie, der so wahnsinnig viele weibliche Eigenschaften aufweist, sind für eine neutrale Wertung gut in unserem Barometer, sind Sie es nicht? Because, als Sie dachten, Sie könnten tun, als wär nix gewesen, und ohne harte Feelings zum ersten Spiel in Los Angeles einlaufen gegen Ihr Milan, da pfiff und tobte die Crowd aber so was von anstandslos, das ließ nicht einmal den Judas mit der 23 kalt. Da hatte es sich mit metrosexuell und dem Bild des neuen Mannes. Sie verzichteten gar auf einen Plausch mit den Spaghettis beim Einlaufen, marschierten zu den Störenfrieden, um diese durchaus schwer heterosexuelle Geste vorzunehmen, das klassische Heranwinken mit der linken und das Ballen der rechten Hand, how dare you. Der Ami nahm das Duell an, hüpfte zu Ihnen auf das Feld, und nur den Sicherheitschefs der Galaxy haben Sie es zu verdanken, dass Ihnen das Image nicht beschädigt wurde. (±0)




Moin, moin, Eutiner Beweissicherungs- und Festnahme­einheit! »Eure Gesetze sind nicht unsere Regeln«, wissen die Punker in eurer Truppe schon lange, und außerdem sind sowohl Regeln wie Unterkiefer da zum Brechen, solange die schützende Hand des Gesetzes über euch wacht und ihr daher ohne Rücksicht auf Verluste mit der schlagenden Hand des Gesetzeshüters die eine oder andere Zecke klatschen könnt.

Obwohl: Verluste gabs ja auch in euren Reihen, so man dem Polizeifunk glauben schenkt, beim St.-Pauli-Spiel gegen Hansa Rostock im März wars, als einer der Euren zu Boden ging. Aber Sportsmänner, wie ihr seid, nahmt ihr die Herausforderung an und fuhrt deswegen extra nach Kiel zum Aufstiegsklassiker in die Regionalliga Nord zwischen den Holstein- und den St.-Pauli-Amateuren. Der Einsatz lohnte sich in jeder Hinsicht: zuerst Pfefferspray bis zum Abwinken gegen die provokante Freude des Pauli-Anhangs nach dem gewonnenen Elfmeterschießen und dann geschickt gewartet, bis der Bus zum Bahnhof voll war, und darin die Schlagstöcke geschwungen wie japanische Crowd-Manager.

Aber wisst ihr, Eutiner BFE, so ganz ohne Regeln macht der Sport auch keinen Spaß. Weil, als ihr dann wieder einmal losgelassen wurdet, am 4. Juli beim Fest im Hamburger Schanzenviertel, und schnurstracks das viel zu unbeteiligte St. Pauli-Lokal »Jolly Roger« derbe demoliert habt, fiel uns doch ein bisschen die Unsportlichkeit in euren Reihen auf.

Nein, wir sprechen nicht vom sauberen Schlag gegen den vorm Lokal befindlichen Journalisten, der ihm gleich vier Zähne herausbrach, auch war es sicher im Sinne moderner Deeskalationsstrategie, zuerst Reizgas in ein Lokal ohne Hinterausgang zu sprühen und erst anschließend reinzustürmen, um den Anwesenden den Rest zu geben. Aber sagt mal, Eutiner Zuchtbullen, während die Zivilisten sich drinnen übergaben und in Todesangst die Scheiben einschlugen, zeugte es denn tatsächlich von Sportsgeist, den Wasserwerfer vor dem Lokal so zu postieren, dass er direkt die Eingangstüre bespritzte und damit jede Möglichkeit einer Flucht aus dem von euch angerichteten Inferno ausschloss? Wir wollen doch fair bleiben. (-5)

 



Was soll man dann noch zum Huub Stevens sagen, dem Einsertrainer der Red Bulls? Einfallsreiche österreichische/deutsche Journalisten würden nach den ersten Saisonleistungen zum Thomas Bernhard greifen. Und zwar nicht nur zu dem wohl auf ewig wiedergedruckten Zitat, alles sei lächerlich, wenn man an den Tod denkt (in der Sprache des Beckham: »In the view of a kill everything looks sill(y)«). Nein, kreative Schreiber halten es mit dem schönen Buch »Die Ursache« und dem umso schöneren Satz über Salzburg als einer »perversen Geld- und Widergeld produzierenden Schönheits- und Verlogenheitsmaschine«. Wir allerdings, die einfallslosen Barometer-Boys des ballesterer (BBB), zitieren lieber wie immer verfremdet einen anderen Autor des Burgtheaters: »Alles Großes was entsteht «* (+4)

* (Goethe, Faust, Rest steht im Google, da haben wir es auch her)

Referenzen:

Heft: 44
Rubrik: Serien
ballesterer # 121

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