Die Leitung des Sportteils übernahmen meist altgediente NS-Parteigänger, Gau- und Pressewarte sorgten für die inhaltliche Überwachung. Die publizistische Lenkung von oben erfolgte durch das Propagandaministerium, die Reichspressekammer und die Reichssportführung. Damit war die Pressefreiheit völlig zerstört, wenngleich die »Gleichschaltung« der Medien in der »Ostmark« nie lückenlos funktionierte, wie Matthias Marschik in seinem Buch »Sportdiktatur« herausgearbeitet hat. Dennoch, die überwiegende Mehrheit der Sportjournalisten machte sich zu willfährigen Rädchen in der NS-Propagandamaschinerie.
Moderner Fußballjournalismus
Nach dem »Anschluss« wurden etliche Blätter eingestellt, dafür drängten unter anderem die Wiener Ausgabe des Völkischen Beobachters, das Reichssportblatt und der NS-Sport auf den Markt. Etablierte Zeitungen setzten auf neue Titel und ein geändertes Layout, der Umfang der Sportberichterstattung wurde ausgeweitet, aktuelle Fotos gewannen an Bedeutung. »König Fußball« blieb auch im »Führerstaat« allgegenwärtig, aber er musste sich den Platz auf den Sportseiten zunehmend mit Konkurrenten teilen. Ausführlich wurde über die »Gauliga« und die Spiele der Auswahlteams berichtet, obendrein wurden Spiele im »Altreich«, in Ungarn und Italien sowie vor dem Krieg in England rezipiert. Traditionell breiten Raum nahmen daneben Ski- und Pferdesport ein, neue Schwerpunktsetzungen zeigten sich in den Berichten über Breitensport und NS-Massenveranstaltungen sowie in der Vorliebe für Boxen, Flug- und Motorsport.
Am 8. April 1938 forderte ein Artikel im Wiener Völkischen Beobachter neue Grundsätze des Fußballjournalismus ein: »Der gute Sportberichterstatter darf sich nicht mit der Feststellung begnügen, dass der Fußballer vor dem Tore versagte, in Schönheit starb, sondern er muss Kenner genug sein, um feststellen zu können, warum dieser Mann Hemmungen hatte. Nur wer um die Hintergründe und tieferen Probleme des Sports weiß, kann Ratschläge geben, und nur der kennt diese Hintergründe, der selbst gekämpft hat. Wir brauchen eine Sportpresse, die mit dem Sporte innerlich verbunden ist, denn mit nur schön geschriebenen Ergüssen ist nicht geholfen.«
In der Praxis standen hinter diesen rührigen Worten handfeste politische Interessen. Der Fußballberichterstattung kam die Aufgabe zu, den Anschein von Normalität aufrechtzuerhalten und zur Deeskalation von Konflikten zwischen »Ostmark« und »Altreich« beizutragen, wie sie sich beispielsweise in Diskussionen über Spielsysteme (»WM-System« oder »Scheiberlspiel«) äußerten. Dabei ist bemerkenswert, dass in den Redaktionsstuben über geraume Zeit beträchtliche Verwirrung hinsichtlich der Verwendung der Bezeichnung »Österreich« herrschte. So schrieb das Neue Wiener Tagblatt am 31. Dezember 1938 auf derselben Seite über die »ostmärkische Gauliga« und das Spiel »Österreich gegen Deutschland«, und selbst der Wiener Völkische Beobachter tat sich manchmal schwer, nannte er doch noch Ende April 1938 die aufgelöste Nationalmannschaft des nicht mehr bestehenden Staates »Österreichs Länderelf«.
Einhellig war hingegen die Verurteilung von Ausschreitungen auf den Plätzen, insbesondere wenn auch deutschenfeindliche Elemente mit hineinspielten. Dem Kommentator des Wiener Völkischen Beobachters hatte »das Benehmen eines Teiles der Zuschauer« beim Skandalspiel zwischen der Admira und Schalke 04 im November 1940 »bei Gott die Schamesröte ins Gesicht getrieben«. Das Blatt sah sich als »Mahner, in dem unermüdlichen Bestreben, diese bei uns eingerissenen Unsitten wieder auszumerzen«.
»Unnatürlicher« Profifußball
Ein wichtiges Thema in der Fußballberichterstattung war die Abkehr vom Professionalismus. Das Neue Wiener Abendblatt titelte im Jänner 1939, »der Schacher mit Fußballspielern« habe »bei uns Gott sei Dank aufgehört«. Es sei »eine unnatürliche Angelegenheit, wenn man sich ein Spiel zum Beruf erwählt, und deshalb war auch der Berufsspieler im großen und ganzen in keiner beneidenswerten Lage. Bekanntlich haben sofort nach der Heimkehr der Ostmark ins Reich unsere besten Berufsfußballer gute Anstellungen bekommen. Sie betreiben nun ihren Sport mit doppelter Freude, da er ihnen nunmehr nur noch reines Vergnügen und nicht auch sorgenvollen Broterwerb bedeutet.«
Die Auslandsprofis kehrten, berichtete Das kleine Volksblatt im November 1938, »mit Freuden in die Heimat zurück, um hier gleichfalls einen Beruf anzustreben und als Amateure ihren Lieblingssport weiter auszuüben. Eines ist dabei wichtig, die Verpflichtung seinen Kameraden, seiner Nation gegenüber darf er nicht als Nebensache auffassen und lächerlich machen. Wer dies tut, kann nicht damit rechnen, dass er jemals wieder in unsere Reihen zurückkehren kann, denn für Schädlinge der Gemeinschaft gibt es keine Rücksicht.« Der Wiener Völkische Beobachter hatte bereits im Juni 1938 Position bezogen: »Jüdische Spieleragenten schleusen Österreicher ins Ausland, schwächen so die Nationalelf.«
Der große Verlust
Jüdische Journalisten hatten mit ihrer Arbeit den Sportjournalismus in Österreich wesentlich geprägt, ihre Zahl war gerade in diesem Metier besonders hoch. Unter ihnen waren beispielsweise Mauricio Diego Albala, ein Pionier der Fußballberichterstattung, Willy Meisl, dessen Texte den deutschsprachigen Sportjournalismus revolutionierten, der Mitbegründer des Sport-Tageblatts, Erwin Müller, und der Feuilletonist Emil Reich. Zu den Opfern der NS-Judenverfolgung zählen der in Auschwitz ermordete Hakoah-Präsident Fritz »Beda« Löhner, der laut Matthias Marschik mit seinen Reportagen im Neuen Wiener Abendblatt vermutlich der erste Fußballberichterstatter Wiens war, der Hakoahner und Sportjournalist Alfred »Ali« Schönfeld sowie Paul Kolisch, der im KZ Dachau umgebrachte Herausgeber des Wiener Montag. Die Lücken in der Geschichtsschreibung versucht derzeit der Medienhistoriker Theodor Venus zu schließen: Eine Datenbank mit rund 3.000 Journalisten jüdischer Herkunft, die zwischen 1848 und 1938 in deutscher Sprache publizierten, soll heuer ins Internet gestellt werden.
Nach dem Ende der NS-Herrschaft konnte der österreichische Sportjournalismus nicht an die Zeit vor 1938 anknüpfen: Zu viele Journalisten waren »umgebracht, in den Freitod oder ins Exil getrieben« worden, und die »mehrheitliche Nichtrückholung exilierter Journalisten nach 1945 sowie die letztlich gescheiterte Entnazifizierung der NS-Journalisten wirkten sich auf die journalistische Kultur der Zweiten Republik negativ aus«, konstatiert der Kommunikationswissenschafter Fritz Hausjell.
Der Autor dankt Clemens Zavarsky für die Mitarbeit bei der Recherche in der Nationalbibliothek
Tipp:
»Deutsche Sportpresse an die Front!« Sportjournalismus in der Ostmark.« In: Matthias Marschik & Rudolf Müllner (Hg.): »Sinds froh, dass Sie zu Hause geblieben sind. Mediatisierung des Sports in Österreich.« (Die Werkstatt, 2010)






Nach dem »Anschluss« wurde die Sportpresse rasch und gründlich »gesäubert«. Optisch modernisiert und inhaltlich kontrolliert, erwies sie sich als stabile Stütze des NS-Regimes. Eine Analyse der Fußballberichterstattung in den Jahren 1938 bis 1945.
erscheint am 12. Juli 2013.
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