Der Schlüsselbeinbruch

cache/images/article_1955_pennwieser_140.jpg Bricht einem Schlüsselspieler das Schlüsselbein, kann es für eine ganze Mannschaft schwierig werden oder, um zu übertreiben, für eine ganze Nation. Die Nation, die gerne übertreibt, ist Deutschland, und der Schlüsselspieler der Schweinsteiger Sebastian.
Wolfgang Pennwieser | 11.10.2012

Darauf würde man nicht kommen: Das Schlüsselbein ist der Knochen, der am zweithäufigsten bricht. Platz eins belegt die Speiche des Unterarms. Das Schlüsselbein ist auch der Knochen, den Medizinstudenten in früheren Zeiten als Erstes in die Hand bekamen und zu lernen hatten. Clavicula sagt man dazu, und der Student konnte bei genauerer Betrachtung das Tuberculum conoideum entdecken und musste an der Unterfläche nach der Impressio ligamenti costoclavicularis suchen mitunter ein mühsames Unterfangen.

Rucksack ohne Sack
Die Claviculafraktur ist eine häufige Geburtskomplikation, der Schultergürtel des Babys ist für den Geburtskanal manchmal zu breit. In diesem Fall heilt der Schlüsselbeinbruch meist problemlos aus, Komplikationen kann es hingegen beim Erwachsenen geben. In der Nähe des Knochens befinden sich nämlich zahlreiche Gefäße und Nerven, die bei einem Bruch der Clavicula verletzt werden können. Ob es zu Schwierigkeiten kommt, hängt in erster Linie davon ab, wo das Schlüsselbein gebrochen ist und wie die Bruchenden aussehen. Ein Knochen kann vollkommen glatt abbrechen und die Verletzung daher harmlos sein, die Knochenenden können sich aber auch wie ein Spieß zuspitzen und in die darunter liegenden Weichteile eindringen.


So etwas ist freilich unfein und führt zu Problemen. Je komischer der Knochen gebrochen ist, umso eher wird operiert. Denn einen lahmen oder tauben Arm will keiner haben. Wenig verschobene Schlüsselbeinbrüche werden konservativ im Rucksackverband ausbehandelt. Der Verband heißt, wie er aussieht nur ohne Sack, aber mit Schlaufen um die Schultern.

Sind Unfälle Zufälle?
Der Schweinsteiger Sebastian wollte sich so einen Rucksackverband als Therapie für seine beim Spiel gegen Napoli erlittene Claviculafraktur ersparen. Man könnte sagen, beim FC Bayern zu spielen sei schon Rucksack genug. Der Grund für die Entscheidung lag aber wohl eher darin, dass eine Operation recht schnell Stabilität und rasche Beweglichkeit bringt. Der Knochen wird mit einer Metallplatte und Schrauben repariert, schon bald kann der Arm bewegt werden. Ein Trainingsbeginn ist also früher möglich.


Für »Schweini« war diese Fraktur im Herbst letzten Jahres der Beginn eines eher verkorksten Fußballjahres, es folgten Kniewehweh und ein Bänderriss im Knöchel. Der Mittelfeldstar spielte daraufhin eine recht durchwachsene Europameisterschaft. Dem Schlüsselbein oder dem FC Bayern dafür die Schuld zu geben wäre dennoch falsch. Am Beispiel des brasilianischen Alves Dani sieht man, dass man bereits zwei Monate nach einer gebrochenen Clavicula wieder Fußball spielen kann. Beim Schweinsteiger Sebastian kam zum Unglück eben auch noch Pech dazu.


Die Metaphysiker, Esoteriker und Psycholeute könnten jetzt sagen: Unfälle sind keine Zufälle aber das würde zu weit führen. Zu weit hat auch das wehleidige Gejammer unserer deutschen Nachbarn nach dem Europameisterschafts-Ausscheiden geführt. Das Ganze am armen »Schweini« (und am armen »Jogi«) aufzuhängen war schon recht unsauber. Zumal jeder sehen konnte, dass Italien im Halbfinale einfach besser war als Deutschland. Darauf würde man als Deutscher aber auch nicht ­kommen.

Referenzen:

Heft: 76
Rubrik: Serien
ballesterer # 114

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Der nächste ballesterer fm erscheint am 15.09.2016.

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