»Taktik Total«: Der Spezialist

cache/images/article_1924_fm74_taktikillu2_140.jpg Trotz des allgemeinen Trends zur Vielseitigkeit ist der Spezialist im Fußball nicht ausgestorben. System, Spielweise und Mitspieler entscheiden darüber, ob sich sein Einsatz auszahlt. Der geradlinige Flügelstürmer Christopher Drazan ist eine Paradebeispiel dieses Typs.
Emanuel Van den Nest | 14.08.2012

Christopher Drazans Pflichtspieldebüt im August 2008 gegen Anorthosis Famagusta hat die Stärken des jungen Rapidlers früh offenbart. Flanken, Schießen und Sprinten beherrscht er wie kaum ein anderer in der österreichischen Bundesliga. Doch auch seine Schwächen zeigten sich rasch: Drazan mangelt es an Spielverständnis, Varianten und defensiven Fähigkeiten. Als geradliniger Flügelspieler gehört er zu den heimischen Spezialisten des Fußballs.

Eine Frage der Spielweise
Vor allem eines wird dem Spezialisten auf dem offensiven Flügel zum Verhängnis: seine Berechenbarkeit. Was am Anfang Wirkung zeigt, hat der Gegner bald im Griff. Drazan läuft zumeist die  Seitenlinie entlang. Sein Flügelspiel fruchtet besonders dann, wenn sich im Sturm der geeignete Abnehmer für seine Vorlagen findet. Wie einst Stefan Maierhofer erscheint auch Rapids robuster neuer Stürmer Terrence Boyd wie geschaffen für Drazans Spielweise. Einem »falschen« Neuner wie Deni Alar, der mehr von Loch- und Doppelpässen profitiert, kommen seine Hereingaben weniger entgegen. Drazans fehlende Übersicht für den ruhigen Spielaufbau muss von anderen Spielern kompensiert werden. Der Trainer muss den Einsatz des Spezialisten also auch vom restlichen Spieler­material abhängig machen: Ein Gegner, der das Spiel bestimmt, kann diese defensive Schwachstelle ausnützen.

Eine Frage des Systems
Ob ein Spezialist eine Mannschaft bereichert, ist weiters eine Frage des Systems. Ein Flügelstürmer wie Drazan ist in ein 4-4-2 nur schwer zu integrieren. Als Teil der Viererkette im Mittelfeld muss er defensive Verantwortung tragen, da sich bereits die beiden Stürmer offensiv orientieren. Auch erfordert ein 4-4-2 viel Variabilität und Kreativität von den Außenpositionen, da die zentralen Mittelfeldspieler mehr defensive Aufgaben übernehmen. In Rapids aktuellem 4-2-3-1 hat der offensive Flügelspieler weniger Verantwortung in der Defensive. Zudem sorgt zumindest ein offensiver zentraler Mittelfeldspieler für Ideen im Angriff. Doch auch im 4-2-3-1 hat die spezialisierte Spielweise Nachteile: Das Kombinationsspiel wird erschwert, die Mannschaft kann weniger flexibel auf Spielsituationen reagieren. Ein vielseitiger Flügelspieler wie Guido Burgstaller bringt genau diese Fähigkeiten mit, er läuft nicht nur die Seitenlinie entlang, zieht auch nach innen, ist beidfüßig, Ideengeber und kann in der Offensive alle Positionen bekleiden, wodurch er während des Spiel problemlos die Position tauschen kann.

Spiel oder Effizienz?
Dass der Spezialist auch auf internationalem Niveau trotz seiner Schwächen gefragt ist, zeigt die Diskussion um Mario Gomez während der EM. So, wie der geradlinige Flügelstürmer für schnelles Spiel und präzise Vorlagen sorgen soll, sorgt der Strafraumstürmer für mehr Tore. Mit Drazan und Gomez bleiben Kombinationen und Laufwege berechenbarer, worunter die Variabilität des Spiels leidet. Stimmt jedoch die Balance zwischen den Mannschaftsteilen, können die Stärken der Spezialisten zumindest kurzfristig zur effizienten Waffe werden.

 

Spezialistenspiel

Alle aufs Goal, und der Drazan flankt von links

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Referenzen:

Heft: 74
Rubrik: Serien
ballesterer # 121

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