Der Tempowechsel

David Alaba profitiert von seinem neuen Teamkollegen Xabi Alonso. Der Spanier weiß, wann er das Spiel beruhigen und wann er es beschleunigen soll.

Emanuel Van den Nest | 12.11.2014

Das österreichische Nationalteam erhält in der eigenen Hälfte den Ball, die moldawischen Spieler ziehen sich zurück. David Alaba holt sich den Ball und schlägt vom Mittelkreis eine halbhohe Flanke an die Strafraumgrenze zu Marc Janko, der sie in Bedrängnis nicht annehmen kann. Diese Szene aus der 15. Minute des EM-Qualifikationsspiels am 9. Oktober zeigt ein gewohntes Bild des österreichischen Teams und offenbart ein spielerisches Problem: Alaba möchte Initiativen setzen und den schnellen Angriff erzwingen.

Empathischer Alonso
Wenn sich Mannschaften weit zurückfallen lassen, erweist sich das Spiel in die Breite als wirkungsvoller, um Löcher in die gegnerische Abwehr zu reißen. Denn Räume für einen schnellen Angriff eröffnen sich vor allem nach eigenem Gegenpressing oder einem Konter des Gegners. Xabi Alonso, Alabas neuer Teamkollege beim FC Bayern, beruhigt bei Ballbesitz auch dann das Spiel, wenn er erkennt, dass seine Mitspieler nicht schnell genug umschalten und sich daher in der Offensive keine Überzahl schaffen lässt.

Das Tempo zu drosseln, dient häufig auch dem Zweck, Torchancen des Gegners zu verhindern. Viele Mannschaften setzen dieses Mittel ein, um eine Führung in einer hektischen Phase zu verteidigen oder um den Gegner herauszulocken, damit sich Räume öffnen. Spielerisch schwächere Teams tun sich mit dieser Strategie schwerer, da sie das Pressing des Gegners bei Ballbesitz weniger gekonnt umspielen können. Deshalb verzichten sie über weite Strecken auf den Ball. Sie erhöhen dann Tempo und Intensität, wenn sie beim eigenen Pressing die Chance auf einen Ballgewinn wittern. Hat sich die Abwehr zurückgezogen, ändert sich der Rhythmus kaum und verlangt den Verteidigern geistige Fitness ab. Gerade offensive und kreative Spielertypen verlieren in solchen Situationen schon einmal die Konzentration.

Angriff ohne Überzahl
Welchen Rhythmus eine Mannschaft wählt, hängt nicht nur von Spielsituation und Gegner, sondern auch von der Spielweise ab. Xabi Alonso ist aus seiner Zeit bei Real Madrid mit dem schnellen Umschalten vertraut. Im letztjährigen Champions-League-Duell konterte Real die riskant und hoch positionierten Bayern erfolgreich aus, ohne dabei unbedingt eine Überzahl herzustellen. Reals Angreifer liefen ihren Gegenspielern davon und schufen so Raum und Torchancen.

Auch Barcelonas Lionel Messi gelangt durch seine Tempowechsel häufig zu Tormöglichkeiten. Er variiert die Geschwindigkeit seiner Dribblings, die dadurch schwer vorhersehbar sind. Er verlangsamt seinen Antritt, um plötzlich loszusprinten und die Verteidiger abzuschütteln. Jüngere Spieler tendieren häufiger dazu, Schnelligkeit erzwingen zu wollen - dabei unterlaufen ihnen nicht selten Fehler. Das Tempo diktieren daher in der Regel erfahrene Spieler mit ausgeprägtem Spielverständnis wie Xabi Alonso. Alaba kann von ihm nun in aller Ruhe lernen. 

Referenzen:

Heft: 97
ballesterer # 121

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