Dr. Pennwieser: Die Poprellung

cache/images/article_1284_46drpenn_p_140.jpg Die Fußballwelt und umso mehr das Notfallambulanzteam staunte nicht schlecht, als die deutsche Bild-Zeitung verkündete: Poprellung bei Hleb Aliaksandr. Was für eine Diagnose! In den Ambulanzräumen diskutierten die Mediziner angeregt darüber, ob so etwas möglich sei, verzweifelten fast dabei und stellten schließlich doch noch einen Gefälligkeitsbefund aus.
Wolfgang Pennwieser | 05.10.2009
Lachhaft«, »pseudomedizinisch«, »typisch Bild«, polterten die Notfall­ambulanzärzte, als sie von der Meldung hörten: Der VfB Stuttgart bangte vor dem Erstrundenspiel der Champions League gegen die Glasgow Rangers wegen einer »schmerzhaften Poprellung« um den Hleb Aliaksandr. Die Bild titelte am Tag vor dem Spiel noch mit: »Au, Backe! Hleb ist verletzt.« Da die Suppe nicht so heiß gegessen wird, wie der Boulevard sie kocht, konnte Hleb gegen die Rangers schließlich doch auflaufen. Der Weißrusse kniff seine Backen fest zusammen, zumindest bis zum Austausch in der 67. Minute, und war nicht mehr auf dem Platz, als die Schwaben den Ausgleich hinnehmen mussten.

Prellung mit viel Aua
Wir stellten uns die Frage: Gibt es eine Pobackenprellung überhaupt? Eine Prellung ist auf Medizinisch eine Contusion. Diese Diagnose wird von Unfallchirurgen in erster Linie nach Knochenverletzungen gestellt. Wobei der Knochen nicht gebrochen ist, aber trotzdem wehtut. Da der Doktor nicht einfach genervt sagen kann: »Sie haben eh nichts, gehens nach Haus«, vergibt er beispielsweise für den Stürmer, der nach einem Verteidigertritt über Oberschenkelaua jammert, die Diagnose Contiusio femoris. Zugegebenermaßen kann man sich nicht nur Knochen, sondern auch Weichteile prellen. Die Augapfelprellung etwa wird als Contusio bulbi bezeichnet, eine Hodenprellung ist eine Contusio testis, nach einem heftigen Zusammenprall mit der Torstange könnte es sogar zu einer Herzprellung (Contusio cordis) oder einer Lungenkontusion kommen.

 

Doch wie ist das beim Po? Da der Hintern auch irgendwie ein Weichteil ist, könnte man schon von einer Poprellung sprechen. Aber: Zwingt einen die korrekte Nomenklatur nicht sogar konsequenterweise dazu, eine Poprellung zu diagnostizieren? Und warum darf man nicht mit derselben Selbstverständlichkeit von einer Pokontusion sprechen wie von einer Myocardkontusion? Auf diese Art diskutierten die Ambulanzmediziner am Vormittag die Bild-Meldung. Einigkeit herrschte über den möglichen Unfallhergang: ein Fußballstiefel, der den Hintern trifft. Ein Ereignis, das viele schon selbst erlebt haben. Schmerzhaft; Striemen, vielleicht sogar eine kleine Abschürfung hinterlassend; einen blauen Fleck gibts allemal, und weh tuts auch. Das heißt, man könnte eine Excoreation diagnostizieren und ein Hämatom dazu beschreiben, merkte der vife Turnusarzt an. Wobei in dieser Diagnose der Unfallhergang das Aufeinanderprallen und die Erschütterung, vielleicht sogar Verletzungen der tieferen Gewebsschichten nicht vorkommt.


Popoklatscher
Eintracht herrschte unter den Ambulanzmenschen darüber, dass man eine Poprellung nie auf Deutsch diagnostizieren dürfe, sondern mit lateinischen Abkürzungen verschlüsseln müsse, so dass kein normaler Mensch sich auskennt: Cont. reg. glut. sin. klingt doch gleich anders. Die Verarztung einer Pokontusion hat aber in jedem Fall mit der nötigen Ernsthaftigkeit zu passieren infantiles Gelächter ist tunlichst zu vermeiden, und die Behandlung soll nach Möglichkeit mit einem aufmunternden Klaps auf den Hintern des Spielers enden. Warum? ­Medizinergeheimnis.


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