Nach dem Spiel erwarten die Zuschauer von Maradona kleinlaute Interviews oder demütige Entschuldigungen. Stattdessen sagt er mit aufgeblasener Brust, die »Hand Gottes« hätte das Tor erzielt. Durch diese Aussage behauptet Maradona Gott zu sein, denn »Gottes Hand ist meine Hand, also bin ich Gott«. Dass »El Diez« der ersten Folge seiner neuen TV-Show den Namen »Der König in der Nacht Gottes« gab, bestätigt den Verdacht des anhaltenden Größenwahns beim einstigen Weltfußballer. Mit »König« war übrigens sein Gast Pelé gemeint.
Vom Roten Messias zum Seeger Robert
Der Wahn ist definitionsgemäß eine Bezeichnung für einen Krankheitszustand, in dessen Verlauf der Mensch zu Überzeugungen kommt, die völlig unbegründet sind und keinen Wirklichkeitsbezug haben. Beim Größenwahnsinnigen ist der Inhalt dieser Vorstellungen ein unrealistischer Glaube an die eigene Überlegenheit, grandiose Fähigkeiten und Allmächtigkeit. Oft glaubt der Betroffene eine berühmte geschichtliche Persönlichkeit wie Napoleon, Caesar oder Stalin zu verkörpern. Und nicht selten bildet er sich ein, wie im Falle von Diego, der Herrgott selbst zu sein.
Auch in Österreich braucht man nicht lange zu suchen, um Fußball-akteure mit größenwahnsinnigen Zügen zu finden. In den 80er-Jahren erschien im Grazer Casino-Stadion der selbst ernannte »Rote Messias« in der Person von Pinter Adi. Dieser eigentlich recht mittelmäßige Trainer formulierte neben großen sportlichen auch tolle modische Ziele. So wollte Pinter etwa, dass jeder männliche Zuschauer es ihm gleich tut und mit einer roten Krawatte das Stadion besucht.
Mega-Magna-Maximale
Baric Ottos Verbigeration des schließlich namensgebenden Absolutadjektivs machte aus ihm den »Otto Maximale«, eine Bezeichnung, die auch zum Selbstbild des Kroaten passt. Als Grazer Dokumentarfilmer unseren Seeger Roberto baten, sich vor der Kamera kurz vorzustellen, reagierte der Fernsehsportler mit den Worten »Was soll das, mich kennt eh ein jeder!«. Bei einer psychiatrischen Exploration hätte sich der Fußballprofessor nach einer solchen Aussage das Wort Megalomanie (griech.; mégas =große Zahl), wie der Größenwahn im Fachjargon heißt, quasi selbst auf die Stirn geschrieben.
Der außerordentlichste Auswuchs des Größenwahns im heimischen Fußball zeigt sich jedoch bei der Wiener Austria. Dort tragen die Spieler gewissermaßen das Kardinalsymptom samt Diagnose auf ihrer Brust. Der Aufdruck MAGNA (lat.: groß) lässt für den Betrachter nur den Schluss zu, dass die Person, die hinter dieser Aufschrift steht, recht leidenschaftlich von der Hybris geküsst worden ist. Auch wenn sich der Austria-Wohltäter nicht wirklich mit dem Herrgott oder der gebenedeiten Jungfrau Maria vergleicht, geht ein Spekulieren über Österreich als Fußballweltmeister sogar über die Megalomanie Maradonas hinaus. Wobei: Erinnert man sich an die 55. Minute des obigen Spiels und das zweite Tor von Maradona, ist man sich nicht mehr sicher, ob er nicht eh ein bisserl etwas Göttliches gehabt hat, der Diego. Zumindest etwas Fußballgottmäßiges.






erscheint am 12. Juli 2013.
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