Es lebe der König

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Am 24. März starb Johan Cruyff. Dietrich Schulze-Marmeling hat die Biografie des großen niederländischen Spielers und Trainers geschrieben. 

Nicole Selmer | 05.04.2016

Ballbesitz, Passspiel, Pressing – der moderne Fußball, den der FC Barcelona, der FC Bayern, die Europa- und Weltmeister Spanien und Deutschland spielen, wäre ohne Johan Cruyff vielleicht nicht entstanden. Mit seinem 2012 erschienenen Buch „Der König und sein Spiel“ hat Fußballhistoriker Dietrich Schulze-Marmeling das Standardwerk zu Cruyff vorgelegt. Für die Biografie hat er mit Trainern, Schülern und Fans von Cruyff gesprochen – und nicht zuletzt auf seine eigenen Erinnerungen zurückgegriffen. Schulze-Marmeling gelingt es, eine der schönsten Geschichten im Fußball wie ein Märchen zu erzählen. Es handelt vom Amsterdamer Arbeiterkind, das als Spieler bei Ajax und Barcelona große Erfolge feiert und als Trainer der beiden Klubs ein noch größeres Erbe hinterlässt.

 

 

ballesterer: Welche Bedeutung hat Johan Cruyff für Sie persönlich?

Dietrich Schulze-Marmeling: Er hat mich als Fußballer durch meine Jugend begleitet. Ich habe ihn bei der W M 1974 in Dortmund beim 2:0 gegen Brasilien spielen sehen, das hat einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Da kommen diese Niederländer, spielen großartigen Fußball und sehen dann auch noch cool aus – das war eine Revolution.

 

Im Gegensatz zu Diego Maradona, Pele und Franz Beckenbauer war Cruyff auch ein großer Trainer.

Ja, Cruyff hat eine Fußballphilosophie entwickelt. Er war dabei von seiner eigenen Geschichte gepr ägt, er war ja eher schmächtig und klein – ein Spieler, der auch untergehen kann, wenn nicht ein Trainer auf ihn aufmerksam wird. Eines seiner vielen Bonmots lautet „Jeder Nachteil hat auch Vorteile“, das heißt, wenn ich klein bin, brauche ich eine besondere Spielintelligenz und eine gute Technik. Er hat eine Philosophie etabliert, in der kleine Spieler nicht nur eine Chance haben, sondern ein ganzbesonderes Element einbringen. Xavi hat einmal gesagt, in England wäre er schon im Nachwuchs aussortiert worden.

 

Wie hat er sich vom Spieler zum Trainer weiterentwickelt?

Er war schon als Spieler ein bisschen Trainer, der verlängerte Arm von Rinus Michels am Platz. Jorge Valdano hat über Cruyff gesagt: „Er regierte Spiele.“Fußball war für ihn ein Spiel für den Kopf, das Bein nur ausführendes Organ. Er wollte nicht so sehr die Spieler, sondern den Ball laufen lassen. Doch Cruyffs Totaalvoetbal, in dem jeder Spieler alles können muss, ist eine große mentale Herausforderung. Und die Intensität, mit der er als Spieler am Platz gestanden ist, die hat er auch als Trainer gehabt.

 

Beim Gedenken an Cruyff wird häufig das verlorene WM-Finale 1974 erwähnt. Wie wichtig war das Spiel wirklich?

Sicher ist das die große vergebene Chance des niederländischen Nationalteams. Aber wenn du zehn Artikel über die WM 1974 liest, handelt einer vom Weltmeister und neun vom Vize-Weltmeister. Sie waren das prägende Team.

 

Zum Buch

Dietrich Schulz-Marmeling

"Der König und sein Spiel"

(Die Werkstatt 2012) 

Referenzen:

Heft: 111
Rubrik: Rezensionen
ballesterer # 120

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