Griechenland stand völlig überraschend im Finale der Europameisterschaft, in Lissabon trat man zur Wiederholung des Eröffnungsspiels, das Otto Rehhagels Elf gewonnen hatte, gegen Gastgeber Portugal an. Das Lokal war zum Bersten voll, alle wollten bei einem Griechen die Griechen das noch vor wenigen Wochen unmöglich Scheinende möglich machen sehen.
Noch vor Spielbeginn gingen die Souvlaki aus, das kalte Bier war spätestens nach der Halbzeit verkauft, manche grummelten, die meisten nahmen es, wie es war. Jorgos hätte den Umsatz seines Lebens machen können, aber er machte einen besseren Umsatz als an allen anderen Abenden, das genügte ihm. Während der Diktatur war er nach Wien gezogen, er hatte einen schwer kranken Sohn, für den er Geld brauchte, einmal im Jahr reiste er nach Griechenland und kam mit Leckereien zurück, Fußball interessierte ihn nicht. Als das Spiel vorbei war und Griechenland gewonnen hatte, stand er auf einmal mit einer Flasche Ouzo inmitten seines Lokals, die Leinwand flimmerte noch, und ließ sich, nach hinten gebeugt, den Schnaps in den Hals rinnen, während die Anwesenden klatschten, pfiffen und Jorgos!, Jorgos! skandierend den Wirt feierten, als habe er die Spiele gewonnen.
Die Taverne an der Schönbrunner Straße gibt es nicht mehr, Jorgos, heißt es, lebt wieder in Griechenland, und ich weiß, wen er gewählt hat, die Linke natürlich. Wenn diese Zeilen lesbar sind, hätte ich mir, voller Hoffnung wie immer, Griechenland als Europameister gewünscht. Als Europas Meister.
Clemens Berger ist Schriftsteller und spielt im Österreichischen Autorenfußballteam. Zuletzt erschien sein Roman »Das Streichelinstitut«.






Am 4. Juli 2004 ging ich mit Freunden zu Jorgos. Wir saßen gern in seiner leicht heruntergekommenen Taverne an der Schönbrunner Straße, die Souvlaki waren essbar, der Retsina schmeckte gut, mit dem Wirt konnte man sich angenehm unterhalten, er konnte auch ungehalten sein.
erscheint am 12. Juli 2013.
Abo bestellen