Fußball unterm Hakenkreuz

Die Debatte um Matthias Sindelar bewegt seit Monaten die Gemüter. Wie ist die Rolle des »Papierenen« während der NS-Zeit einzuschätzen? Auf Einladung des ballesterer fm debattierten der Kulturwissenschaftler und Historiker Matthias Marschik, Peter Menasse, Chefredakteur der Zeitschrift NU und Walter Sturm, Gestalter einer Sindelar-Ausstellung des Bezirksmuseums Favoriten, bei einer Podiumsdiskussion über das Fußballgenie.

 


David Forster | 13.05.2008
DAVID FORSTER: Wie sehen Sie den Verlauf der Debatte seit Dezember 2003?

MATTHIAS MARSCHIK: Sie ist von Anfang an schiefgelaufen. Wir haben einerseits den konkreten Akt, den Kauf des Cafés, andererseits den Sindelar-Mythos. Das Problem ist die Vermischung dieser beiden getrennten Stränge. Missverständnisse waren unvermeidlich.

PETER MENASSE: Nicht die Debatte ist schiefgelaufen, sondern alles, was die Historiker des Landes in 60 Jahren zusammengebracht haben. Mit meinen Artikeln habe ich es geschafft, die Diskussion über »Arisierung« dort auszutragen, wo sie zuvor nicht stattgefunden hat.

MARSCHIK: Ihr Beitrag, Herr Menasse, war geradezu lebensnotwendig, um Diskussionen über Mitläufertum anzuregen gerade auf den Sportseiten der Zeitungen. Es bestehen mehrere Ebenen. Ein: »Lassts unseren Sindelar in Ruhe«; die Erkenntnis, dass Sindelar keine makellose Biographie hat; und die Extremrichtung: »Wir spucken auf sein Grab und müssen uns einen anderen Heroen suchen.«

MENASSE: Die Haltung ist: »Wir machen uns unseren eigenen antifaschistischen Helden und den lassen wir uns auch nicht wegnehmen.« Es müsste sich doch jemand finden, der besser geeignet ist als Sindelar. Was ist beispielsweise mit den jüdischen Fußballern der Austria, wer verehrt die heute?

FORSTER: Wie lief die »Arisierung« des Cafés ab?

WALTER STURM: Das Kaffeehaus wurde unter kommissarische Verwaltung gestellt. Zur »Aufsichtsperson« wurde Ende April 1938 NSDAP-Mitglied Franz Reithner bestellt, der ein »ordnungsgemäßes Arisierungsverfahren« gewährleisten sollte. Reithner bedrängte den jüdischen Eigentümer Leopold Drill, das Geschäft zu verkaufen, doch dieser sah dazu keine Veranlassung.

MENASSE: Drill wurde zum Verkauf gezwungen, in dem man seinen Sohn und die Hälfte der Gäste im Kaffee¬haus verhaftet und ins KZ gebracht hat. Sindelar hat einen Kaufantrag, Drill dann einen Verkaufsantrag gestellt.

STURM: Es ist umgekehrt gewesen: Reithner brachte Drill durch diese Polizeiaktion Ende Mai zur Unterschrift der Verkaufsanmeldung am 1. Juni 1938. Am 15. Juni wandte sich Sindelar, der nach der Abschaffung des Profifußballs einen »bürgerlichen Beruf« brauchte, mit einem Kaufantrag an die zuständige Vermögensverkehrsstelle, die VVSt. Wenn Sie das Timing umdrehen, dann schauts bös aus, Herr Menasse. Es gibt keinen Hinweis, dass sich Sindelar an dem Druck des Kommissarischen Verwalters auf Drill beteiligte.

MENASSE: Wenn Sindelar auf das Angebot: »Pass auf, Motzl, du musst a Hackn finden, wir haben da ein Café von einem Juden« gesagt hätte: »Seids mir nicht bös, davon versteh ich nix, ich will das nicht« das wäre eine Heldentat gewesen.

MARSCHIK: Sindelar hat wie zehntausende andere Österreicherinnen und Österreicher eine Gelegenheit ergriffen. Er hat das getan, was ihm die Zeit nahegelegt hat.

MENASSE: Es geht darum, was moralisch akzeptabel ist. Waren Taten wie die »Arisierung« eines Kaffeehauses ein Unrecht? Ich bin dieser Meinung.

FORSTER: Hat Sindelar einen »anständigen« Kaufpreis bezahlt?

MARSCHIK: Wenn Sindelar gewusst hat, wie viel das Café wirklich wert ist, nein.

MENASSE: Der Sachverständige schätzte 1938 das Café Annahof aufgrund der geänderten politischen Situation auf 40.000 Reichsmark, für das Jahr davor 76.000 RM. Das ist Zynismus: Man nimmt dem Cafétier die Gäste weg und sein Kaffeehaus ist weniger wert. Sindelar zahlte 15.000 RM auf ein Treuhandkonto, der Rest des Kaufpreises von 20.000 RM war in Raten fällig. Drill musste von diesem Geld »Judenvermögensab¬gabe«, Ansprüche vom Oberkellner bis zur Bedienerin und verschiedene Schulden, die Reithner gemacht hatte, bezahlen. Am Ende war Drill beraubt und verschuldet. Es handelte sich um einen von formalen Stellen organisierten Raub.

STURM: Sindelar hat 20.000 RM geboten, die von der VVSt, welche die Preise festlegte, akzeptiert wurden.

MENASSE: Österreichischer hätten Sie die Geschichte nicht darstellen können. Hauptsache, es hat ein Amt gegeben, dass die Preise festsetzte.

FORSTER: Was ist nach 1945 mit dem »Café Sindelar« geschehen?

STURM: Es gab in den Jahren 1948/1949 ein Rückstellungsverfahren, 1950 hat Drills Tochter das Kaffeehaus von Sindelars Schwester übernommen.

FORSTER: Herr Menasse, Sie implizieren in ihren Artikeln, der Fußballstar sei Mitglied der NSDAP gewesen.

MENASSE: In einem Dokument schreibt die NSDAP, sie habe gegen den Kauf des Cafés durch den »Parteigenossen« Sindelar keinen Einwand. Ich weiß, das ist kein Beweis für eine Parteimitgliedschaft. Dies gilt aber auch umgekehrt. Beide Thesen sind zu 50 Prozent möglich.

STURM: Dieser Zettel der NSDAP-Kreisleitung macht aus ihm noch keinen Nazi. Er war kein Antisemit, aber auch kein Widerstandskämpfer. Sindelar war nirgends politisch engagiert, mit Ausnahme der Volksabstimmung, wo er sich für ein »Ja« zum »Anschluss« aussprach.

MENASSE: Mich erstaunt es nicht, dass Sindelar im März 1938 zum jüdischen Austria-Präsidenten sagt, er werde ihn »immer grüßen« und im Juni ein Café »arisiert«. Viele Menschen konnten sich zum Zeitpunkt des »An¬schlusses« nicht vorstellen, mit welcher Härte das Regime vorgeht. Im März konnte man noch leichter goschert sein.

FORSTER: Wie kam der Topos von Sindelar als überzeugtem Antifaschisten zustande?

MARSCHIK: Wir kennen Geschichten wie Sindelars Absage an den reichsdeutschen Trainer oder seinen Torjubel beim »Versöhnungsspiel«. Das genügte, um ihn als Antifaschisten zu konstruieren. Die Inszenierung Sindelars als gegen »die Piefke« resistenter österreichischer Held setzte bereits in den Tagen nach seinem Tod ein. Noch während der NS-Zeit wurde ein Element zum anderen gefügt und spätestens 1946 war der »Mythos Sindelar« fertig.

STURM: Der Mythos ist schon in den 20er und 30er Jahren entstanden. Der »Papierene« ist als beliebter Promi vereinnahmt worden und er hat das auch zuge¬lassen, im »Ständestaat« wie in der NS-Zeit. Sindelar hat sich nichts dabei gedacht, er wollte unter den jeweiligen Umständen Fußball spielen. Er hat gern gekickt und tarockiert. Für die Nazis war der Tod des als »Judenfreund« bezeichneten Sindelar eine Erleichterung, denn nun war es leichter, ihn zu vereinnahmen. Das ging in der Zweiten Republik so weiter. Auch Menschen, die selbst NS-Opfer waren, haben Sindelar als Figur dieses neuen Österreich mitgeschaffen. Das war ein bisserl ein Missbrauch, denn so ein Österreicher war Sindelar nicht. In erster Linie war er begeisterter Favoritner.

MENASSE: Man hat sich gedacht: »Wenn wir schon keine Geschwister Scholl haben, dann nehmen wir halt den Sindelar.« Heute können wenige Menschen den entsetzlichen Stress begreifen, unter dem die Verfolgten nach der NS-Zeit standen. Es gibt keine »Logik« in den Reaktionen jüdischer Opfer und man sollte keine Schlussfolgerungen daraus ziehen. Wir wissen nicht, welchen Wissensstand diese Menschen hatten.

FORSTER: Kann man trotz der »Arisierung« noch »Sindi«-Fan sein?

MENASSE: Der »Papierene« ist der Prototyp des Austrianers, der den Gegner häckerln konnte. Kein Rapidler, der nach vorne stürmt und versucht, die Torstangen umzuschießen. Sindelar ist die Austria und das kann ihm niemand nehmen.

STURM: Sindelar hat unter den Bedingungen des Unrechtsstaats ein Kaffeehaus gekauft. Aber das hat mit seinen Siegen im Wunderteam nichts zu tun.

FORSTER: Wenn Sie in der Kommission wären, die über Sindelars Ehrengrab befindet, wie würden Sie entscheiden?

STURM: Mir geht es nicht darum, ob der Sindelar nun ein Ehrengrab hat. das soll die Scholz-Kommission entscheiden. dem Sindelar wird`s egal sein.

MENASSE: Sindelar war kein Ehrenvoller. Ein Mensch, der ein Café »arisiert« hat, ist eines Ehrengrabes nicht würdig.

 


Die Veranstaltung »Die Affäre Sindelar« fand am 3. Februar 2003 im Wiener Internationalen Institut für den Frieden statt. Wir danken dem Mitveranstalter Fairplay.

Referenzen:

Heft: 12
Rubrik: Serien
ballesterer # 82

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