Fußball unterm Hakenkreuz: Wiener Tschechen

GESCHICHTE Sie leisteten einen wesentlichen Beitrag zur Hochblüte des österreichischen Fußballs in den 20er- und 30er-Jahren. Nach dem »Anschluss« 1938 brachen harte Zeiten für die Minderheit an. 


David Forster | 13.05.2008
Österreichs bester Kicker stammte aus Mähren: 1905 übersiedelte Familie Sindelar mitsamt dem zweijährigen Matthias von Kozlau nach Wien Favoriten. So wie die Eltern des »Papierenen« kamen insbesondere im 19. Jahrhundert Tausende Einwanderer aus Böhmen und Mähren in die k.u.k. Reichshauptstadt. Die Wiener Tschechen und Slowaken verdienten ihren Unterhalt vor allem als Arbeiter (»Ziegelböhmen«), Handwerker und Kleingewerbetreibende. Den Mittelpunkt ihres gesellschaftlichen Lebens bildeten rund 300 Vereine, darunter mehrere Sportklubs.

 

»Dort find´ ich Böhmen wieder«


Bei den tschechischen Fußballvereinen handelte es sich, wie Karl Brousek in »Wien und seine Tschechen« schreibt, um den SK Slovan, die Wiener Slavia, den SK Moravia 10 (fusionierte mit SK echie 11) und den SK Slavoj 18. Der wichtigste Klub war der am 11. Jänner 1902 gegründete Slovan, hervorgegangen aus der seit 1898 bestehenden »Vereinigung tschechischer Sportfreunde in Wien«. Die Grün-Weißen stiegen 1923 in die höchste Spielklasse auf, wo sie sich (mit einer Unterbrechung in der Saison 1929/30) bis 1932 halten konnten. Die größten Erfolge waren das Erreichen des Cupfinales 1924, das gegen die Amateure 8:6 verloren ging, und der sechste Meisterschaftsrang 1925/26. Slovan verfügte mit Rudolf Hanel über einen exzellenten Goalgetter, im Nachwuchs wurden Wunderteam-Spieler Karl Zischek und Rapid-Legende Pepi Bican (siehe Teil 10 der Serie) herangebildet. Nach Jahren des Vagabundierens auf Wiener Fußballanlagen erhielt der Slovan mit dem 1925 eröffneten Tschechisches-Herz-Platz (»eské srdce«) im 10. Bezirk eine würdige Heimstätte und trug bis 1949 seine Matches dort aus. Pläne für eine Sportarena mit einem Fassungsvermögen von 80.000 Besuchern konnten aus Geldmangel nie realisiert werden. Heute steht an dieser Stelle das Horr-Stadion der Wiener Austria. 1935 löste sich der Verein SK Slovan nach Streitigkeiten mit dem Verband auf. Einige Spieler traten zur Wiener Slavia über, die sich wiederum bald AC Slovan nennen und so die Tradition fortführen sollten.

 

Stich ins tschechische Herz


Eine Tradition, die bald ins Visier der Faschisten geriet.  Durch den »Anschluss« befanden sich die Tschechen in einer gefährlichen Lage. Lang gehegte Ressentiments brachen in offenen Hass aus, Angehörige der Minderheit wurden terrorisiert, Führungspersönlichkeiten verhaftet, Restaurants und Geschäfte demoliert. In diesem Klima bewegte Wiens Bürgermeister Neubacher die Vertreter der Tschechen zu einer Loyalitätsbekundung gegenüber den neuen Machthabern. Die Minderheit war bei der Volksabstimmung vom 10. April 1938 über die »Wiedervereinigung« zwar zugelassen, musste aber in gesonderten Wahllokalen abstimmen. So verwundern die vom Historiker Gerhard Botz veröffentlichen Zahlen nicht, wonach von 23.268 abgegebenen tschechischen Stimmen 23.202 auf »Ja« lauteten. 

Auch Slovan bekam die Tschechenfeindlichkeit des Regimes zu spüren. Im »Gedenkbuch« anlässlich des 50-jährigen Vereinsbestehens heißt es dazu: »Die Spieler waren ständig einer besonderen Fürsorge der Gestapo wie auch der hiesigen Polizei ausgesetzt, kein Wunder, wenn sich zu den Wettspielen in der Regel nur sieben Spieler einfanden, die übrigen waren verhindert. Die unaufhörlichen staatspolizeilichen Untersuchungen gefährdeten ernstlich die Existenz des Vereines«.

Die NS-Maßnahmen richteten sich gegen Eckpfeiler der tschechischen Identität, besonders gegen das Vereinsleben und Schulsystem, die Medien und Unternehmen. Die Situation der Minderheit verschlechterte sich nach dem Münchner Abkommen im September 1938 weiter. Dennoch gaben im Rahmen der Volkszählung 1939 in Wien über 56.000 Personen Tschechisch bzw. Slowakisch als Muttersprache an, rund 13.500 Menschen bekannten sich zur »tschechischen Volkszugehörigkeit«.

Der Beginn des Weltkriegs bedeutete eine neuerliche Verschärfung der Verfolgung. Anton Holba, damals noch als Aktiver bei Slovan, schreibt in der Vereinschronik: »Im zweiten Weltkrieg machte der Slovan sehr schwere Zeiten durch. Einerseits wurde ein großer Teil der Mitglieder in den Arbeitsdienst eingereiht und in alle Richtungen zerstreut, andererseits stand der Klub unter dem ständigen Druck der reichsdeutschen Behörden, der auf die Auflösung des Vereines gerichtet war«. Der damalige Sektionsleiter Fritz Karasek berichtet: »Im Jahre 1940 wurden wir zur Gestapo vorgeladen, wo uns mitgeteilt wurde, dass wir als tschechischer Verein aufgelöst werden müssen«. Slovan durfte, wie auch der SK Moravia, schlussendlich weiterbestehen, allerdings erfolgte im Herbst 1940 eine zwangsweise Umbenennung, wie Funktionär Alois Janousek schildert: »Da diese Bezeichnung den nationalsozialistischen Machthabern zu slawisch klang, mussten wir unseren Namen auf AC Sparta ändern. Im Zuge der Germanisierung der Vereine musste ich als Vereinsführer zurücktreten, arbeitete jedoch weiter«. Sportlich blieb der Klub, für den auch Bezeichnungen wie »Eintracht« oder »Germania X« in Betracht gezogen worden waren, den widrigen Umständen zum Trotz, recht erfolgreich: In den Jahren 1940 und 1941 siegte »Sparta« in der Meisterschaft der Klasse II D.

 

Repression und Resistenz


Zu dieser Zeit entfaltete der tschechische Widerstand allen voran die so genannte tschechische Sektion der KPÖ beachtliche Aktivitäten, die von konspirativen Treffen und Flugschriften bis hin zu Brandstiftung und Sprengstoffanschlägen reichten. Das NS-Regime reagierte mit der Inhaftierung und Ermordung von Widerstandskämpfern und intensivierte die Unterdrückung. Martin Bormann, einer von Hitlers willigsten Helfern, übermittelte Gauleiter Baldur von Schirach im November 1941 den Wunsch des »Führers«, »baldigst alle Juden abzuschieben, anschließend alle Tschechen und sonstigen Fremdvölkischen«. Im selben Monat wurde der Turnverein Sokol aufgelöst, im Mai 1942 der Minderheitsrat, im Herbst darauf weitere Vereine. Ein wesentliches Rekrutierungsfeld von tschechischen Widerstandsgruppen wie der bürgerlich-katholischen Vereinigung »Curiue« bildeten nämlich die Vereine darunter auch der Slovan. Nach Auskunft von Werner May, dem gegenwärtigen Obmann des Slovan HAC, traf einige Vereinsmitglieder »die ganze Härte des nationalsozialistischen Terrors«. Dazu May:  »Der spätere Präsident Prof. Oscar Blazek überlebte die Inhaftierung im KZ Buchenwald, wo Jaro Safr zu Tode kam. Andere, wie Hans Langer, Andre Koschar, Leo Kuhn (später Schriftführer) und das langjährige Vorstandsmitglied Johann Safr (alias Schakl), der auch viele Jahre Obmann der Wiener Liga war, überlebten in anderen Lagern die Qualen der Internierungshaft«. Die Quellenlage zur Verfolgung dieser Slovan-Mitglieder ist leider ausgesprochen schlecht: Ihre Namen scheinen nicht in der Liste tschechischer Widerstandskämpfer der Österreichischen Historikerkommission auf und auch das »Gedenkbuch« von Slovan schweigt sich merkwürdigerweise darüber aus. Veno Pelz, damals Vorsitzender, schreibt lediglich, dass der »zweite Weltkrieg den Verlust vieler unserer Mitglieder und Anhänger, teils durch Tod, teils durch Abwanderung nach der Tschechoslowakei zur Folge« hatte.

Nach der Befreiung fand im Mai 1945 die Rückbenennung in SK Slovan statt. 1949 rückte der Verein in die neu gegründete Staatsliga auf, stieg jedoch gleich wieder ab. Der mit dem Hütteldorfer AC fusionierte Slovan spielt heute in der Oberliga A.               



Der Titel dieses Artikels entstammt einer Eingabe an Wiens Bürgermeister vom 30.3.1938 (Magistratsdirektion 1603/38), in der die Überwachung der Wiener Tschechen gefordert wurde. 


Tipp: »Die Geschichte des SK Slovan - Hütteldorfer AC« von Werner May (erscheint im September 2007).


Referenzen:

Heft: 27
Rubrik: Serien
ballesterer # 82

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