Grieche, unsichtbar

cache/images/article_1946_article_1923_berger_140_140.jpg In Athen lebte zur Zeit der Großen Krise ein Mann. Er war Mitte 30, sein Haupt hatte er geschoren, seinen fleischigen Körper tätowiert. Neben Ornamenten, die ihn an Ereignisse erinnern sollten oder in Momenten gestochen wurden, an die er sich nicht erinnern konnte, hatte er das Wappen seines Fußballklubs tätowiert. Mit dem Mann war nicht gut Kirschen essen. Man wollte keinen Streit mit ihm. Man wollte kein Bier mit ihm trinken. Man wollte ihn nicht länger als nötig ansehen. Der Mann aber wurde gern gesehen. Er wollte nicht unsichtbar sein.
Clemens Berger | 14.09.2012

Unsichtbar waren die meisten, und die meisten kamen unter die Räder. Er trank gern Bier. Er suchte immer wieder Streit. Sein Land hatte abgewirtschaftet. Er machte andere dafür verantwortlich. Wer war schon ein Land? Er hatte nicht abgewirtschaftet. Die er kannte, auch nicht. Einige waren sehr reich geworden. Alle zeigten mit dem Finger auf sein Land, das er vorher nicht seines genannt hatte.


Nun waren die Anhänger seines Klubs mit jenen eines Klubs aus Wien befreundet. Sein Klub war der beste Athens und damit Griechenlands (und der Welt), also war der befreundete Klub der beste Wiens und damit Österreichs (und der Welt, was so nicht stimmen konnte). Eines Tages flog der Mann nach Wien, um den Freunden gegen ihren Erzrivalen beizustehen. Als die Schmach zu groß wurde, stürmte er mit anderen den Platz. Wie überall, wo es um etwas ging, sah er sich Helmen, Schilden, Stöcken und Waffen gegenüber. Er hatte vor dem Spiel viel Bier getrunken. Er mochte die Polizei nicht. Er mochte die Feinde seiner Freunde nicht. Der Mann benahm sich nicht gut. Er würde, hieß es, nie wieder ein Stadion von innen sehen.


Allein, etwas Seltsames war geschehen. Man schickte ihm österreichische Zeitungen, in denen er riesengroß abgebildet war. Sogar auf Titelblätter hatte er es geschafft. Der Mann tapezierte damit die Wände seines Zimmers. Man berichtete, in welcher Stadt er vor welchem Spiel gesehen worden sei. Er war nicht unsichtbar. Sie nannten ihn den Hass-Griechen.

Referenzen:

Heft: 75
Rubrik: Serien
ballesterer # 120

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