Im Dunklen tippen

cache/images/article_1974_berger_140.jpg Liebe Freunde, steckt das Smartphone wieder ein. Die Verbindung ist ohnehin schlecht. Seht euch bloß um. Viel zu viele tappen auf ihren kleinen Bildschirmen im Dunklen. Wirklich, ihr müsst jetzt nicht auf den nächsten Einwurf, den nächsten Eckball, das nächste Foul, den nächsten Freistoß, die nächste Auswechslung, die nächste Gelbe oder Rote Karte, ihr müsst auch nicht auf over oder wie auch immer das heißt, ihr müsst nicht einmal auf das nächste Tor, den nächsten Elfmeter, die nächste Verbannung eines Trainers auf die Tribüne setzen.
Clemens Berger | 12.11.2012

Ich weiß, dass ihr manchmal gewinnt, und sollte euch Geld egal sein, müsst ihr trotzdem nicht die Augen Richtung Schoß richten, das Spiel in der zweiten türkischen Liga ist in der zweiten türkischen Liga, das Stadtderby in Tunis ist in Tunis, die asiatischen Ergebnisse sind himmelschreiend, aber trotzdem. Und ihr anderen, die ihr Geld verdienen wollt, weil ihr keines habt und es das eine gibt, worin ihr euch wirklich auskennt oder auszukennen meint, ihr gewinnt zwar auch bisweilen, sensationelle Tipps gehen auf, großartige Quoten, selten, natürlich, und das reißt euch dann wieder raus, bloß, in Wirklichkeit lässt es die roten Zahlen nur zaghaft Richtung null tendieren. Ihr wisst es, und es ärgert euch, allein, das ändert nichts daran, dass ihr unterm Strich tief im Minus seid.


Ich weiß auch, dass es das Spiel anders auflädt, dass ihr euch noch mehr mit dem Tormann freut, wenn er den Elfmeter abwehrt und euch im Spiel lässt, dass ihr noch lauter und ausgelassener jubelt, wenn einer für euch und eure Bilanz trifft. Aber, liebe Freunde, das Spiel findet da unten statt. Hier, jetzt. Steckt das Smartphone wieder ein. Ihr habt keine Absprachen getroffen.

Clemens Berger ist Schriftsteller und spielt im Österreichischen Autorenfußballteam. Zuletzt erschien sein Roman »Das Streichel­institut«.

Referenzen:

Heft: 77
Rubrik: Serien
ballesterer # 117

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