Lost Grounds

Der ballestererfm hat sich auf der Suche nach berühmten verlorenen Stadien nach Floridsdorf zu begeben, wo die Stars der Vorstadt zu Hause waren. Auf der Pollack-Wiesn feierte die Admira ihre ersten größeren Erfolge.
Matthias Marschik | 10.05.2008
Eine 75.000-Euro-Frage gefällig? Wie hieß der erfolgreichste Verein in der Glanzzeit des Wiener Fußballs, also in der Profiära von 1924 bis 1938? War es a) Hakoah, b) Vienna, c) Amateure/Austria oder d) Rapid? Hakoah erreichten einen, die Amateure gewannen zwei Meistertitel, Vienna ebenfalls zwei, und Rapid errang gleich viermal die Meisterkrone. Dennoch ist auch die Antwort »Rapid« falsch, denn: die Admira wurde in dieser Ära siebenmal Meister (und dazu kamen noch drei Cupsiege). Ihre Heimstätte hatte sie damals in Floridsdorf.

 

Im Schatten der Fabrik

 

Die ersten Floridsdorfer Fußballer waren auf den Wiesen nahe der »Schwarzen Lacke« aktiv, doch waren die Spiele stets durch Hochwasser gefährdet. Daher entstanden die ersten eingeplankten Plätze um 1910 einerseits am Mühlschüttel, wo in unmittelbarer Nachbarschaft der FAC, die Hakoah und SR Donaufeld aktiv waren, andererseits auf der Pollack-Wiese, wo Admira und Viktoria XXI ihre Plätze errichteten und auch ein Platz der Arbeiterfußballer entstand.
Das Areal der Pollack-Wiese in der Deublergasse beherbergte um 1910 zur Prager Straße hin Mietskasernen, zur Jedleseerstrasse Schrebergärten, dazu kamen noch einige ungenutzte Wiesen; und in der Mitte wurde das Gebiet von den 1898 errichteten Fabriksgebäuden der Firma Hermann Pollacks Söhne überragt, wo tschechische Stoffe gefärbt und veredelt wurden.
Während Victoria XXI sich eine kleine Wiese neben den Zinshäusern zum Bau ihres Sportplatzes aussuchte, begann die Admira 1909 auf der Wiese direkt neben der Pollack-Fabrik zu spielen. Da der Grund einige Meter unter dem Straßenniveau lag, ergaben sich die leicht abfallenden Zuschauerränge praktisch von selbst. Im Jahr 1911 wurde der Platz eingeplankt und mit einem Spiel gegen Ostmark eingeweiht. Der neue Platz verlieh so viel Auftrieb, dass Admira noch vor dem Ersten Weltkrieg von der 4. in die 2. Klasse aufstieg.
Nicht nur der Sportplatz, der ganze Klub befand sich »im Schatten« der Pollack-Fabrik: Viele Spieler fanden dort Arbeit, während umgekehrt einige leitende Angestellte Funktionäre des Klubs wurden. Das hatte zur Folge, dass, auch wenn fast alle Spieler Arbeiter waren, Admira dennoch ein »bürgerlicher« Klub war, im Gegensatz zum »roten« Bezirksrivalen FAC. In der Saison 1919/20 spielte Admira erstmals in der obersten Klasse und die Vereinschronik berichtet stolz, wie der nunmehr notwendige Platzausbau und die Renovierung der Kabinen von Spielern, Funktionären und Fans gemeinsam durchgeführt wurden. Die Erstklassigkeit und der generelle Anstieg der Besucherzahlen nach 1920 ließ den Platz des Öfteren zu klein werden, besonders wenn sich die Admira mit dem FAC um die Vorherrschaft in Floridsdorf duellierte, die die Admira übrigens erst um 1925 gewinnen konnte. Der Platz, der auf einer Längseite von den Fabriksmauern, auf der anderen von einer drei Meter hohen Mauer und auf den beiden Stirnseiten von Straßen umgeben war konnte jedoch nicht vergrößert werden.
Diese baulichen Voraussetzungen, verbunden mit den chronischen Finanznöten des Klubs, der auch von der Gemeinde wenig Unterstützung erwarten konnte, führten dazu, dass der Admira-Platz einer der kleinsten Erstliga-Plätze war und zudem einer der ganz wenigen ohne gedeckte Tribüne. Mit knapp 10.000 Besuchern waren die Ränge völlig überfüllt. Und obwohl sich die Admira als Allround-Verein präsentierte, gehörte ihre Heimstätte zu den ganz wenigen größeren Sportplätzen in Wien, die keine Laufbahn rund ums Spielfeld besaßen. Es handelte sich um ein reines Fuß- und Handballstadion, mit wunderbar dichter »englischer« Atmosphäre, aber auch mit der dementsprechend großen Gefahr von Zuschauerübergriffen. Trotz dieser Nachteile konnte die Admira in der Deublergasse den Grundstein zu einem Erfolgslauf starten: drei Meistertitel (1927, 1928 und 1932) und drei Vizemeistertitel (1929, 1930 und 1931) konnten erobert werden, ehe die Admira im August 1933 auf den ehemaligen Vorwärts XXI-Platz in der Hopfengasse übersiedelte und dort im ersten Jahr gleich wieder Meister wurde. Auf dieser weitläufigen Anlage gab es nun alles, was ein großer Sportverein brauchte: Laufbahn, Trainingsplatz, Boxring und Tennisplätze komplettierten eines der schönsten Fußballfelder Wiens. Nur zu einer Tribüne brachte es die Admira bis in die 60er Jahre nicht, die wurde erst vom Nachmieter FAC in den 1990ern gebaut (übrigens die wohl hässlichste und sitzunfreundlichste Tribüne Wiens).

 

Die anderen Plätze auf der Pollack-Wiesn

 

Doch kehren wir wieder auf die Pollack-Wiesn zurück: 1921 erwarbt Zweitligist Columbia den Platz von Vorwärts XXI, die in die Hopfengasse übersiedelte und damit Vorbesitzer des »neuen« Admira-Platzes war. Dieser Columbia-Platz war einer der zahlreichen typischen Wiener Fußballplätze. Ein relativ kleines Spielfeld, auf dem sich der Rasen bald auf wenige Flecken in der Nähe der Cornerfahnen zurückgezogen hatte, sodass jeder Windstoß eine Staubfontäne aufwirbelte, wenn nicht ein Regenguss das Spielfeld in eine Morastlandschaft verwandelte. Rund um das Spielfeld gab es Erdwälle, die notfalls einigen tausend Zuschauern Platz boten, allerdings kaum Sitzplätze. Rund um den Platz stand eine bald windschief gewordene Holzplanke, die den Gratisblitzern, die nicht von einem der Fenster der umliegenden Zinskasernen zusahen, wunderbare Durch- und Einblicke boten.
Den Admira-Platz übernahm 1933 der FAC, der durch die Bautätigkeit des »Roten Wien« seinen Platz am Mühlschüttel verloren hatte (im Volksmund heißen die Gemeindebauten freilich bis heute FAC-Bau). Bis 1954 konnte der FAC seinen Platz in der obersten Liga behaupten, auch Austria, Rapid und Vienna gastierten also bis dahin auf der Pollack-Wiesn. Diese war nicht selten ausverkauft, vor allem natürlich bei den Bezirksduellen gegen Admira, wobei die beiden Klubs ihre »Intimfeindschaft« bis in die 1960er Jahre, als die Admira in die Südstadt auswanderte, nicht begruben. Am Charakter des Platzes änderte sich allerdings wenig, außer dass sich das Spielfeld in einem zunehmend desolaten Zustand befand und das Umfeld ab dem Beginn der 1950er Jahre den Anforderungen an einen modernen Sportplatz nicht mehr genügte. 1962 wurde begonnen, den FAC-Platz abzutragen, und wiederum wurde der FAC, diesmal in der Hopfengasse, Nachmieter der Admira. Während der FAC-Platz einer Kirche weichen musste, folgte 1964 auch das Ende des Columbia-Platzes, der von einem Gemeindebau verdrängt wurde. Seitdem ist die Pollack-Wiesn nur mehr durch das »Cult Bräu« bekannt, das Lokal mit der spätesten Sperrstunde Floridsdorfs.

Referenzen:

Heft: 14
Rubrik: Spielfeld
ballesterer # 82

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Der nächste ballesterer fm erscheint am 12. Juli 2013.

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