Traumabewältigung

cache/images/article_2470_elfmeter_140.jpg Warum schießt ein Spieler einen erbärmlichen Elfmeter, obwohl er wenige Wochen zuvor noch souverän getroffen hat? Der englische Journalist Ben Lyttleton möchte seinem Nationalteam helfen und die Geheimnisse des wohl spannendsten Elements im Spiel entschlüsseln.
Jakob Rosenberg | 20.05.2015

Wer Elfmeterschießen für eine Glückssache hält, wird von Ben Lyttleton eines Besseren belehrt. Nicht nur der Anlaufwinkel eines Spielers sagt viel über die Erfolgsquoten aus, es gibt zahlreiche weitere Faktoren. Wer hat das letzte Tor im Spiel geschossen? Wer beginnt das Elfmeterschießen? Ist der Schütze ein Star? Kennen sich Tormann und Schütze? Wie feiert ein Schütze den Torerfolg? Wie reagieren die Mannschaftskollegen auf einen vergebenen Elfmeter?


Allein die Vielzahl der unterschiedlichen Parameter zeigt, dass Lyttleton keinen Ratgeber für den perfekten Elfmeter schreiben wollte. Seine statistischen Auswertungen und die eingestreuten Kurzbiografien von berühmten Elfmeterschützen und -killern weisen vielmehr auf die Geringschätzung eines oft spielentscheidenden Elements im Fußball hin – und auf die Verantwortung der Trainer. Trotz der enormen Faktendichte liest sich das Buch sehr gut, und die Lektüre wirkt nach. Hinterher sieht man Elfmeterschießen anders.

ballesterer: Wie konnten Sie sich ausreichend für Elfmeter begeistern, um ein 300-seitiges Buch zum Thema zu schreiben?
Ben Lyttleton: Begonnen hat es damit, dass ich England bei der EM 2012 wieder einmal im Elfmeterschießen verlieren sehen habe – gegen Italien. Der richtig schlecht geschossene Elfmeter von Ashley Cole hat mich sehr zum Nachdenken gebracht. Sechs Wochen vorher hat er im Champions-League-Finale für Chelsea gegen Bayern getroffen, ein Monat später trägt er das England-Trikot, und alles ist anders. Seine Körpersprache, seine Mimik, wie er den Ball herrichtet und das Ergebnis. Ich habe mich gefragt, wie derselbe Mensch zwei so unterschiedliche Elfer schießen kann.

Zu welchem Schluss sind Sie gekommen?
Spieler verschießen so gut wie nie wegen technischer Mängel, es ist eher etwas Psychologisches. Ich habe darüber nachgedacht, ob das im Fall von England daran liegt, wie sie sich mit dem drohenden Elfmeterschießen auseinandersetzen. Je mehr ich darüber geforscht habe, desto stärker habe ich bemerkt, dass viel mehr dahinter liegt. Dass andere Länder auch Probleme haben. Dass jeder eine Elfmetergeschichte hat, die er erzählen kann.

Sie listen extrem viele Statistiken auf. Helfen die den Tormännern, oder geht es dabei in erster Linie um den psychologischen Vorteil, so zu tun, als wüsste man etwas?
Oft reicht dieses Bluffen, das hat Jens Lehmann bei der WM mit Argentinien so gemacht. Generell kommt es auf den Tormanntyp an. Petr Cech vertraut auf die Daten, Gianluigi Buffon setzt auf Intuition. Es gibt kein Falsch oder Richtig.

Haben der englische Verband oder Teamchef Roy Hodgson je angerufen?
Ich weiß, dass sie mein Buch schon vor der WM hatten, aber leider ist England in der Vorrunde ausgeschieden. Ich hoffe, wir qualifizieren uns für die EM, kommen in ein K.-o.-Spiel und verbessern unsere Erfolgsquote im Elfmeterschießen. Eigentlich wollte ich England mit dem Buch helfen, aber das Problem ist, dass es jetzt in andere Sprachen übersetzt worden ist.

Zum Buch
Ben Lyttleton
„Elf Meter. Die Kunst des perfekten Strafstoßes“
(Die Werkstatt 2014)

Referenzen:

Heft: 102
Rubrik: Rezensionen
Thema: England
ballesterer # 120

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