Zeige mir dein Gesicht

cache/images/article_1921_pressecorner_140.jpg Kuschelig, harmoniebedürftig, mit viel Erfahrung. Nein, diese Attribute stammen aus keiner Kontaktanzeige. Vielmehr handelt es sich um Eigenschaften, die laut Claudia Lässer die Trainer von Austria Lustenau, FC Lustenau und SCR Altach prägen.
Mario Sonnberger | 14.08.2012
Diese Gemeinplätze entnimmt sie nicht etwa den Biografien von Helgi Kolvidsson, Damir Canadi und Rainer Scharinger, sondern ihren Gesichtern. Lässer ist nämlich nicht nur Moderatorin im Schweizer Fernsehen, sondern auch »Gesichtsleserin«. Wer Mitte Juli die Vorarlberger Nachrichten aufschlug, konnte drei profunde Analysen der »TV-Lady« (gibt es eigentlich »TV-Sirs«?) genießen. Die Kriterien für die Psychogramme waren umfassend: Stirnfalten (quer und längs), Augenbrauen, Augen und deren Abstand, Nasenecken und -falten, der Abstand Nase Mund, Lippen, Unterlippenpolster (?) und das Kinn samt Falte und Grübchen.

Wiener Genuss und nordische Treue
Die Ergebnisse waren verblüffend! Helgi Kolvidsson etwa: »Auf Anhieb sympathisch, macht auf mich den Eindruck eines kuscheligen Typs. Der aufgrund seiner Gesichtszüge aber auch anders sein kann.« Na, da schau her. Dass er aus Island stammt, war demnach »gar keine große Überraschung: Da spiegeln sich schon einige Eigenschaften wider, die typisch für Menschen aus dem Norden sind.« Wo bei anderen Menschenkenntnis ausreicht, geht man unter »Gesichtslesern« offenbar einen Schritt weiter. »Seine Augenform ist offen und er hat blaue Augen. In seinem Fall deutet dies darauf hin, dass er seinen Idealen treu ergeben bleibt.« Des treuen Isländers »größere Unterlippe zeigt einen Genussmenschen, aber einen kontrollierten. Typisch für einen Nordländer.« Ein »herrliches Beispiel für genussfreudige Personen« ist demnach Damir Canadi. Seine Unterlippe ist »ausufernd«. Und weil Rainer Scharinger das auch hat, ist das »eigentlich nichts Außergewöhnliches bei Sportlern«.

Das Antlitz des Bösen
Völlig unreflektiert hantieren die VN mit der These, aus der Physio­gnomie eines Menschen ließen sich charakterliche Eigenschaften ablesen. Mit einem Denksystem also, das vor nicht allzu langer Zeit dazu diente, Pseudowissenschaft zur Legitimation von Antisemitismus und Rassenlehre heranzuziehen. »Die Suche nach einem Geheimsystem zur Charakter-Erkennung lässt sich leider nicht ausrotten«, drückte es der deutsche Psychologe Werner Sarges 2006 im Spiegel treffend aus. Psycho-Physiognomie, die sogar bei der Personalauswahl Anwendung findet, entbehrt jeder seriösen Grundlage; wenn »Gesichtsleser« richtig liegen, analysieren sie Wissenschaftlern zufolge unbewusst und instinktiv Verhaltensmuster wie jeder andere Mensch auch. Demnach hätten die VN zum Saisonauftakt auch Horoskope bringen können gleichermaßen gehaltlos, aber wenigstens geschmackvoll.
Aber zugegeben: Wenn Claudia Lässer Stefan Maierhofer in ihrer Sendung »Face it« analysiert und dabei völlig ernst bleibt, hat das auch Spaßpotenzial wie man sich auf YouTube überzeugen kann.

Referenzen:

Heft: 74
Rubrik: Serien
Thema: Vorarlberg
ballesterer # 121

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