Als dem Fußball Hörner wuchsen

cache/images/article_1287_46bullenar_140.jpg Nichts hat die österreichische Fußballwelt so verändert wie die Übernahme von Austria Salzburg durch Red Bull im Jahr 2005. Mittlerweile verfügt der Konzern über vier Fußballvereine auf drei Kontinenten. Eine Bestandsaufnahme in vier Kapiteln.

Stefan Kraft | 06.10.2009
2.500 Kilometer Luftlinie liegen zwischen dem israelischen Haifa und Salzburg. Nur nach UEFA-Regularien handelt es sich bei Maccabi Haifa um einen europäischen Klub, und seinen Fans dürfte der österreichische Fußball weitgehend unbekannt sein. Aber nicht Red Bull Salzburg. Wenn es um die gebetsmühlenartig beschworene Bekanntheit der Marke geht, dann ist Red Bull tatsächlich einzigartig im Fußballgeschehen. Denn am Abend des 19. August 2009 im Qualifikationsspiel zur Champions League entrollten die mitgereisten Fans als Allererstes ein Transparent zur Begrüßung: »Herz statt Kommerz« entgegneten sie dem Salzburger Publikum doch das ist an derartige Botschaften in seinem Stadion noch mehr gewöhnt als an die blinkenden Discolichter. Ob in Israel, in Deutschland, in Spanien, Italien oder den USA, ob in den Mutterländern des Fußballs oder an der Peripherie: Kein Sponsor hat sich derartigen Hass und Unmut zugezogen wie der Hersteller des weltweit bekanntesten Energydrinks. Red Bull steht für so vieles, was der »Moderne Fußball«, der seit den frühen 1990er Jahren intensivierte Ausverkauf dieses Sports an Unternehmen, Zeitgeist und Eventkultur mit sich bringt. Aber für noch mehr: Zwischen Red Bull und dem traditionellen Fußballpublikum gibt es keine Kompromisse mehr, keinen Weg der Verständigung von einem angeblich so kommunikativen Unternehmen. Es geht um die bedingungslose Unterordnung des Fußballs unter Geld, Erfolg und Marke.


Das ist einer der markanten Unterschiede zum traditionellen Eingreifen der Wirtschaft in den Fußball. Die sogenannte Kommerzialisierung des Fußballs setzte schon lange vor Red Bulls Engagement ein, und viele Fans leben in ihrer Ablehnung des Salzburger Vereins und seines neuen ostdeutschen Pendants Leipzig etwas aus, das sie schon seit Jahren von ihren eigenen Klubs entfernt. Doch etwas ist neu: Bei Red Bull wird gar nicht versucht, das eigene Produkt mit der bestehenden Bindung der Anhänger in Einklang zu bringen. Was etwa St. Pauli zu einem der bekanntesten Klubs Deutschlands machte, was Liverpool den Trikotverkauf in Asien sichert, was Juventus jeden Korruptionsskandal überstehen lässt, ist bei Red Bulls Mannschaften ausgeschlossen. Weil man bewusst das eigene, fußballferne Image dem Traditionsverein gegenübersetzt, werden die mittlerweile vier Klubs auch niemals mehr als Anhängsel des Konzerns sein, deren Zuseher kommen und gehen wie bei jeder Flugshow. Oder, wie es Konzerngründer Dietrich Mateschitz einst so treffend in der eigenen Pressemeldung zur Übernahme von Salzburg ausdrückte: »Neue fußballbegeisterte Zuschauer und Zuschauerinnen, wie man sie nie zuvor in Stadien gesehen hat.«


Red Bulls Fußballengagement steht aber auch für eine andauernde Erfolglosigkeit, gemessen an den eigenen Zielen, die man sich vor vier Jahren in Salzburg steckte, und den gigantischen Summen, die seither in einen künstlich geschaffenen Verein gesteckt wurden. Die »Top Ten des europäischen Fußballs« hätten es sein sollen, aktuell rangiert RBS auf Position 179 der Klub-Weltrangliste. Haifa, Donezk, Valencia, Blackburn, Athen, Sevilla: Wo immer der selbst ernannte europäische Großklub antrat, um sich zumindest für die Gruppenphase eines europäischen Bewerbs zu qualifizieren, scheiterte er kläglich. Erst das Ausscheiden gegen Maccabi bringt Red Bull Salzburg zum ersten Mal dorthin. Doch nach der »Scheiße«, die laut dem ehemaligen Salzburger Torhüter Otto Konrad die Mannschaft schon im ersten Qualispiel gegen Bohemians Dublin gezeigt hat, standen die Chancen auf ein Weiterkommen auch nicht besser als bisher.


Vom einmal begonnenen Weg lassen sich Firmengründer Mateschitz und seine Angestellten, allesamt mit der Vermarktung und nicht Erzeugung des Safts beschäftigt, nicht abbringen. Allen Protesten, Irrtümern und sportlichen Rückschlägen zum Trotz soll der Fußball erobert werden. Die Zeit sei reif, die widerständige Sportart zu dem umzumodeln, worin Red Bull bisher sein Geld gesteckt hat: Events und Erfolgstypen. Nach Salzburg haben auch New York, São Paulo und Leipzig ihr Red-Bull-Team, hinzu kommen Nachwuchsakademien in Ghana, Brasilien und Österreich. Anders als in Österreich und den USA, wo Erstligisten inklusive Logo und Vereinsnamen einfach zu kaufen sind, müssen sich die Red Bulls in Brasilien und Deutschland erst von den unteren Ligen hocharbeiten. Das passt zwar nicht ganz ins Konzept, da man im Sport lieber die Superstars als die Nobodys hofiert. Doch ist die Außenwirkung einer Förderung von unten, gezielt in der strukturschwachen ostdeutschen Region, nicht zu verachten und billiger allemal als die immer wieder kolportierten Versuche, einen europäischen Großverein zu übernehmen, um in der Champions League mitzuspielen. Aber: Worum geht es eigentlich bei dem Ganzen, wenn man abgestandene Floskeln aus der Geschäftsführung nicht zulässt, die außer einem »Return of Investment über den Bereich Marketing«, wie es auf Anfrage des ballesterer heißt, keine Argumente zu bieten haben? ...

Lesen Sie den gesamten Artikel in der aktuellen Printausgabe des ballesterer (Nr. 46/Oktober 2009) Ab sofort österreichweit in den Trafiken sowie im deutschen und Schweizer Bahnhofsbuchhandel!

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