Altes Geld

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Es ist alt, es ist hart und definitiv mehr als nur ein Spiel. Die Geschichte des Old Firm – des Derbys zwischen Celtic und den Rangers – lässt sich nicht verstehen ohne Hungersnot und Bürgerkrieg, ohne Religion und Politik, ohne IRA und Union Jack, ohne Katholiken und Protestanten.

Benjamin Schacherl | 19.10.2016

„Vermisst du Hitler?“ Das habe er einem deutschen Journalisten geantwortet, als der ihn gefragt hatte, ob er die Rangers vermisst habe. Celtic-Fan Alan kommt beim gemeinsamen Spaziergang durch die Innenstadt von Glasgow gar nicht mehr aus dem Schimpfen heraus, wenn es um den Rivalen geht. 24 Stunden später wird sein Klub die Rangers zum ersten Derby in der schottischen Premiership seit vier Jahren empfangen. Denn der 2012 in die vierte Liga strafversetzte Klub ist zurück in der höchsten Spielklasse. Auch im mit 60.000 Zuschauern ausverkauften Celtic Park im Osten der Stadt sind die Heimfans nicht um drastische Vergleiche verlegen. „This Is It Bhoys, This Is War“, steht auf dem Spruchband der Hintertortribüne. Während die Heimkurve mittels Überziehleiberl im Grün-Weiß-Orange der irischen Fahne gehalten ist, präsentieren die Rangers-Fans im Auswärtssektor Union-Jack-Flaggen. Über dem Fanblock von Celtic hängt eine große Fahne. „They Hung Out the Flag of War“ ist darauf zu lesen. Die Textzeile stammt aus der Volksballade „Foggy Dew“, die junge Iren nach dem niedergeschlagenen Osteraufstand von 1916 dazu ermutigen sollte, für die Unabhängigkeit von Großbritannien zu kämpfen. Neben den nationalistischen Fragen gründet sich die Rivalität auch auf religiösen Differenzen: Celtic als katholisch, Rangers als protestantisch geprägter Verein. Die tief verwurzelte gegenseitige Ablehnung und die zur Schau gestellten Gegensätze machen das am häufigsten ausgetragene Derby Europas, das Old Firm.

Unterbrochener Paarlauf
Im Westen der Stadt ist am Tag vor dem Match von der Aufregung noch nicht viel zu spüren. Vor dem Ibrox-Stadium, der Heimstätte der Rangers, treiben sich nur vereinzelt Fans herum. Steve ist mit seiner Frau und seiner Tochter hier. Es sei die erste Ausfahrt mit seinem neuen Auto, ein besseres Ziel hätte es vor dem Derby nicht geben können. „Es ist großartig, das Old Firm zurückzuhaben. Wir haben es vermisst“, sagt er. Im Februar 2012 hatte sein Verein Insolvenz anmelden müssen, nachdem er Schulden von mehr als 170 Millionen Euro angehäuft hatte. Ein Großteil davon durch eine verfehlte Transferpolitik. Der langjährige Präsident David Murray hatte sogar damit geprahlt, stets mehr Geld als Celtic in die Hand nehmen zu wollen. „Für jeden Fünfer, den sie ausgeben, geben wir einen Zehner aus“, hatte er gesagt. Die hohen Ablösesummen für Spieler wie Mikel Arteta, Giovanni van Bronckhorst und Tore Andre Flo, der im Sommer 2000 für den Rekordwert von 18 Millionen Euro von Chelsea gekommen war, wurden mit Krediten bezahlt, die nicht gedeckt waren. Die Spielergehälter versteuerte der Verein nicht ordnungsgemäß. Als die Rangers schon unter Bankenkontrolle standen, konnte sich die neue Verwaltung mit den Gläubigern nicht einigen, der Verein musste zwangsliquidiert werden. Die Rangers hatten zunächst gehofft, in die zweite Liga strafversetzt zu werden. Doch am 4. Juli 2012 stimmten 25 der 30 schottischen Profifußballvereine dafür, sie ganz aus dem Profibetrieb auszuschließen. Der Verein wurde in der vierten Leistungsstufe neu gegründet. Der Ligaverbandsvorsitzende David Longmuir sprach von einer schweren Entscheidung im Interesse der sportlichen Fairness.

Dass die übrigen Profiklubs keine Milde walten ließen, mag mit der Rolle zusammenhängen, die die Rangers – gemeinsam mit Celtic – in den Jahrzehnten zuvor gespielt hatten. In den vergangenen 31 Jahren kam der schottische Meister immer aus Glasgow, von den 122 ausgetragenen Meisterschaften endeten 101 mit einem Titelgewinn durch einen der beiden Vereine. Die Rangers gewannen 54, Celtic 47 Meisterschaften. Beide halten beim viel besungenen Rekord von neun Titeln in Serie, dem „9 in a row“. Auch im schottischen FA-Cup ist die Vorherrschaft der Glasgower Klubs eklatant: 36-mal holte Celtic den Titel, 33-mal die Rangers. Mit ihren 117 Trophäen sind sie der Verein, der weltweit am meisten nationale Titel gewinnen konnte.

Kein gemeinsamer Nenner
Von einer Vergrößerung dieser Sammlung sind die Rangers seit 2012 allerdings weit entfernt. Zwar gelang ihnen der Durchmarsch durch die unteren Ligen, und sogar das letzte Old Firm – das FA-Cup-Halbfinale im April 2016 – konnten sie noch als Zweitligist im Elfmeterschießen für sich entscheiden. An diesem sonnigen Septembertag aber erinnert nichts an das einstige Ligaduell auf Augenhöhe. Die von fast 60.000 Fans inbrünstig vorgetragene Treuebekundung „You’ll Never Walk Alone“ wirkt auf die Celtic-Spieler wie eine Fanfare. Von Anpfiff weg versuchen sie, die Gäste in deren Hälfte einzuschnüren, was mit Fortdauer des Spiels immer besser gelingt. Zur Halbzeit führt Celtic durch zwei Tore von Moussa Dembele 2:1. Der 20-jährige Stürmer gibt sein Startelfdebüt. Die Rangers müssen sich dem Dauerdruck schließlich beugen, sie brechen in der zweiten Halbzeit ein. Dembele trifft noch ein drittes Mal und steigt damit endgültig zum neuen Helden der Heimfans auf. Am Ende werden die Rangers 1:5 gedemütigt. Während sich der Gästesektor nach Schlusspfiff schlagartig leert, feiern die Celtic-Fans ausgelassen. In diesen 90 Minuten der Unterlegenheit wirken die Rangers trotz einiger bekannter Altstars wie Philippe Senderos, Joey Barton und Niko Kranjcar nicht mehr wie der Derbygegner früherer Tage, sondern tatsächlich wie ein Ligadebütant.

Viele Celtic-Fans lehnen es seit der Neuübernahme der Rangers ab, das Derby als „Old Firm“ zu bezeichnen. Vor dem ersten Aufeinandertreffen seit dem Zwangsabstieg, im schottischen Ligacup 2015, gaben Fans ganzseitige Zeitungsannoncen mit einer simplen Botschaft auf: „Die Rangers sind tot.“ Damit sei auch das Old Firm gestorben. „Es gibt diesen Verein nicht mehr, der neue Klub hat mit dem alten nichts zu tun. Es sind Betrüger!“, sagt Celtic-Fan Alan. Aber auch schon vor der Insolvenz der Rangers war der Begriff „Old Firm“ in beiden Fanlagern umstritten, da man mit dem Rivalen nicht unter einer gemeinsamen Bezeichnung zusammengefasst werden will. „Lächerlich“, sagt Alex Anderson, Autor des Fußballmagazins When Saturday Comes und selbst Rangers-Fan. „Die Bezeichnung Old Firm bezieht sich auf ‚Firma‘ im Sinne eines Unternehmens.“ 

Mitarbeit: Martin Hanebeck
Foto: Benjamin Schacherl

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Referenzen:

Heft: 116
Thema: Old Firm
ballesterer # 119

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