Antisemitismus aktuell

cache/images/article_1175_40synagoge_140.jpg Der Fußballplatz dient immer wieder als öffentliche Bühne, so auch für antisemitische Diskriminierung. Auch wenn es im österreichischen Fußballumfeld selten zu offenem Antisemitismus kommt, finden sich stereotypische Diffamierungen und Anleihen an NS-Rhetorik in diffusen Formen.
Jakob Rosenberg | 03.03.2009
Das mediale Echo war groß, als sich der FC-Braunau-Fanklub Bulldogs auf seiner Homepage mit einer antisemitischen Aktion rühmte: Vor den Mauern des ehemaligen KZ Mauthausen traten die Anhänger des oberösterreichischen Landesligisten zum Gruppenfoto an, und einige Fans lächelten mit dem zum Hitlergruß gestreckten rechten Arm in die Kamera. Derartige Fälle, in denen Antisemitismus von Fußballfans offen zur Schau gestellt wird, sind im österreichischen Fußballumfeld die Ausnahme.

Aber mit Antisemitismus und seinen Spielarten wird immer wieder kokettiert. Dementsprechend geht auch das »Forum gegen Antisemitismus« von einer recht hohen Dunkelziffer derartiger Vorfälle aus. Dezidiert antisemitische Beschimpfungen sind oft schwer zuzuordnen, passieren diese doch zumeist im Schutz der Anonymität. So besprühten etwa Unbekannte die Westtribüne des Horr-Stadions im Sommer 2004 vor dem Wiener Derby mit dem Spruch »Franz Strohsack Synagoge«, begleitet von der Zugehörigkeitsbekundung »Rapid Wien«.

Von ähnlichen Vorfällen berichtet auch die antirassistische Fanplattform ARGE ToR von Blau-Weiß Linz. In der Sommerpause 2008 wurden die Sprüche auf der Graffitiwand im Linzer Donaupark-Stadion umgedichtet: aus »Nie wieder Deutschland« wurde ein »Nie wieder Israel«. Die Urheber der Aktion werden im Umfeld der LASK-Fans vermutet, wie ähnliche Schmierereien andeuten. Auf sich aufmerksam machten auch drei LASK-Fans des Commando Urfahr, die in dem Museum des ehemaligen Reichsparteitagsgeländes in Nürnberg vor Ausstellungstafeln mit Hitlergruß posierten. Der Infoladen Wels vermutet Querverbindungen zu Mitgliedern des rechtsextremen BFJ (Bund freier Jugend), die den Fußballplatz als Bühne und zur Rekrutierung neuer Mitglieder nutzen wollen.

Einen ähnlichen und letztlich vergeblichen Versuch hatte schon der Gründer der neonazistischen VAPO (Volkstreue Außerparlamentarische Opposition) und Wehrsportübungsleiter, Gottfried Küssel, in den 1980er Jahren bei Rapid gestartet, als er unter den Hooligans warb, um heute den Fußballplatz und morgen die Welt zu erobern. Der Rechtsextremismus-Experte Wolfgang Purtscheller schätzt, dass der Versuch zumindest kurzfristige Erfolge brachte, so »bewegten sich damals bei Rapid rund 500 Personen im Umfeld von Küssel«.

Feindbild Judenverein
In der Rapid-Kurve ist man mittlerweile sehr darauf bedacht, politische Bekundungen aus dem Stadion herauszuhalten. Nicht zuletzt aufgrund der Ultras: Als am 20. April des Vorjahres beim Spiel gegen Altach ein Transparent mit Geburtstagswünschen für Adolf Hitler (»Alles Gute 18«) auftauchte, wurde dieses entfernt.

Lückenlos dürften die Kontrollen dennoch nicht sein, schließlich bedienen sich vereinzelte Fans antisemitischer Beschimpfungen, vor allem um die Wiener Austria zu diffamieren. So berichteten etwa die NGOs ZARA und Fairplay in den letzten Jahren immer wieder von antisemitischen Schmähgesängen, wie »Judenschweine« oder dem »U-Bahn-Lied« (»Eine U-Bahn bauen wir, von Favoriten bis nach Auschwitz!«) bei Wiener Derbys.

Das Stereotyp des »jüdischen Vereins« Austria findet sich auch im Lied »Grün-Weiße Krieger« der Droogieboyz, das seit Februar auf der Internetplattform Youtube zu hören ist. Das Lied trieft vor Gewaltpathos und Unterschichtsromantik, der Rapper Guilty erklärt in einer Passage die Verständnisprobleme der Austria-Anhänger: »Viola kapierts nicht, supportet die Juden.«

Derartige Schmähungen der Austria als »jüdischem Verein« finden sich aber nicht nur bei Rapid. Eine Gruppe von LASK-Fans hängte bei ihrem ersten Wien-Besuch nach dem Bundesliga-Comeback 2007 ein »Schalom«-Transparent im Horr-Stadion auf und skandierte: »Ihr seid nur ein Judenverein!« Die Assoziationskette zu antisemitischen Beschimpfungen war der Bundesliga aber offenbar zu komplex, schließlich sei der Gruß »Schalom« nicht diskriminierend, Ermittlungen daher verzichtbar.

Paradoxe Austria
Trotz Bezügen zur jüdischen Geschichte macht Antisemitismus paradoxerweise auch vor der Wiener Austria nicht halt. So wurde etwa der Presse-Redakteur Oliver Grimm im August des Vorjahres nach dem UEFA-Cup-Qualifikationsmatch gegen Georgia Tiflis von einem Austria-Fan als »Judenbua« beschimpft und bespuckt. Auslöser dafür war der Aufdruck  »C. Jerusalem«auf seinem Fantrikot, als Hommage an den (nichtjüdischen, Anm.) Austria-Stürmer der 1930er Jahre Camillo Jerusalem.

Derartige Vorfälle von offenem Antisemitismus sind auch bei der Austria Einzelfälle, in Favoriten kämpft man aber mit einem subtileren Problem. Schmähgesänge gegen den Lokalrivalen bedienen sich zum Teil einer Rhetorik, die Assoziationen zur NS-Diktion weckt: Die Gesänge »Wir wollen keine grünen Parasiten, violett ist die Heimat, raus mit diesem Pack!« sowie »Rapid verrecke!« werden bei Derbys auch von größeren Gruppen angestimmt.

Martin Schwarzlantner, Fanbetreuer der Violetten, weiß um die Problematik derartiger Gesänge. Jüngere Fans seien sich dieser Assoziationen möglicherweise nicht bewusst und sängen einfach mit, daher »wären vor allem die älteren Fans gefordert, Aufklärungsarbeit zu leisten und gegen so etwas aufzutreten«, erklärt er gegenüber dem ballesterer.

Auch die hässliche Assoziation der Sticker der Fedayn »Wiener, wehrt euch! Geht nicht zu Rapid!«, die an die Boykottaufrufe jüdischer Geschäfte durch die Nazis im April 1933 erinnern (»Deutsche! Wehrt euch! Kauft nicht bei Juden!«) sei thematisiert worden und die Sticker nicht mehr im Umlauf. Schwarzlantner betont, dass durch die Fanarbeit Verbesserungen erreicht worden seien und »ein Problembewusstsein vorhanden ist, das einen wichtigen Schritt darstellt, um gegen derartige Probleme ankämpfen zu können.«

Referenzen:

Heft: 40
Rubrik: Thema
ballesterer # 120

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